8. Fortsetzung der Geschichte des 11. (Sächs.) Infanterie-Regiments

Belgiënfeldzuges

 

 

Nach Beendigung des Polenfeldzuges wurde das I.R. 11, am 6.10.1939 beginnend, im Eisenbahntransport nach dem Westen verlegt und traf bis zum 10.10.1939 in Krefeld ein. Es wurde in Privatquartieren untergebracht.

Nachdem schon während des Transportes durch das Reich je Kompanie 10 Urlauber heimwärts geschickt worden waren, erfolgte jetzt Beurlaubung des ganzen Regiments in drei Raten. Gleichzeitig begann die Instand-setzung aller Waffen und Geräte sowie die Anforderung von Ersatz.

Die 14. Infanterie-Division gehörte im Westen zur 6. Armee, deren Oberbefehlshaber Generaloberst von Reichenau war, Die Heeresgruppe 8 führte Generaloberst von Bock.

In Kürze wurde auch wieder mit der Ausbildung begonnen, vornehmlich im Kampf gegen befestigte Stellungen und Bunker
- 14. Kompanie übte hier den Schartenbeschuß - sowie Übersetzungen. Die in Polen gemachten Erfahrungen wurden verwertet. Auch Abhärtungs- und Gewöhnungsübungen an die Nacht standen im Vorderund.

 

Für die Armee war 24-stündige Alarmbereitschaft befohlen. Infolge des Verschiebens des Angriffbeginns im Westen wurde diese Alarmstufe am 28.11.1939 aufgehoben, aber am 11.12.1939 erneut angeordnet.

In seinen Angriffsplänen gegen Frankreich hatte das OKH die Absicht, den „Schlieffen-Plan" von 1914 anzuwenden. Dieser Plan fiel durch einen Luft-Kurier in feindliche Hände. Nach einem Plan von General von Manstein sollten starke Panzerkräfte durch Luxemburg und Südbelgien gegen die verlängerte Maginot-Linie bei Sedan vor gehen und dann die befestigte Front durchstoßen und den Durchbruch vollenden. Dieser Plan wurde auch in einem Kriegsspiel In Koblenz aufgezeichnet.

In 1940 standen sich etwa 4800 französische 2800 deutschen (tatsächlich waren es nur 2200 deutsche) Panzern einschl. der Spähwagen gegenüber. Die französischen Panzer waren an Panzerstärke und Kaliber den deutschen überlegen. Sie unterlagen aber in der Führung und der Geschwindigkeit. Frankreich rechnete mit dem deutschen Schlieffen-Plan und versammelte daher seine Kräfte einschl. der Panzerdivisionen und des britischen Expedi-tions-Heeres im französischen Flandern zwischen Maas und Ärmelkanal. Die Front war nach Nordosten gerichtet! Während dieser Zeit erfolgen beim Regiment einige Personalabgaben, vor allem an Offizieren für die Neuaufstellungen, Auch unser letzter Friedens- und erster Kriegs-Regiments-Kommandeur Oberst Haase, wird versetzt. An seiner Stelle übernimmt am 29.11.1939 Oberst-leutnant Oeller das Regiment. Unser Regiments-Adjutant, Hauptmann Schulze, kommt zur 14. Division.

 

Am 28.12.1939 erfolgt die Verlegung des Regiments über Mönchen-Gladbach als Zwischenunterkunft in den Raum um Wegburg - Arsbeck, wo es in der Nacht vom 29./30.12.1939 eintrifft. Die Marschbewegungen müssen in der Dunkelheit durchgeführt werden. Das Thermometer zeigt minus 15 Grad an, die Straßen und Wege sind stark verschneit und vereist. In dem neuen Unterkunftsraum erfolgt Unterbringung in engen Quartieren. Regimentsstab In Wegberg (Schule).

Hier verbleibt das Regiment bis zum 27.1.1940. An disem Tage erfolgt wiederum im Nachtmarsch Verlegung in den bereits erkundeten Raum dicht an der holländischen Grenze um Karken.

II, und I. Bataillon liegen vorn an der Grenze hinter Ihren Bereitstellungsräumen für den Fall eines Angriffs im Westen II. Btl. um Karken. I. Btl. um Haaren. III. Btl. liegt etwas rückwärts um Kempen. Es ist als Vorausabteilung (teils mot., teils Fahrräder) vorgesehen, die auf der Vormarschstraße des II. Btl. antreten soll, sobald der erste Widerstand und die Sperren an der Grenze durch das 11. Btl. beseitigt sind. Der Regiments-Stab liegt ebenfalls in Karken. Die 14. Kompanie ist in Myl untergezogen.

Hier bleibt das Regiment bis zum Beginn des Frankreichfeldzuges. Der Termin für den Angriffsbeginn wird auf unbestimmte Zeit zunächst verschoben und damit auch die 24-stündige Alarmbereitschaft aufgehoben. Die Ausbildung wird fortgesetzt. Bei dem im Frühjahr heftig einsetzenden Tauwetter, bei dem die ganze tiefliegende Landschaft der Roer von den Schmelzwassern der Eifel überschwemmt wird, müssen in den Tagesmeldungen laufend Berichte über den Zustand der Straßen-, Wege-und Geländeverhältnisse erstattet werden.

Im Rahmen von Abgaben von Personaleinheiten an das Ersatzheer wurde am 1.2.1940 die 10. Kompanie neu aufgestellt. Hieran beteiligten sich fast alle Einheiten des Regiments. Die 1. und 5. Kompanie gaben je einen geschlossenen Zug ab. Die 11. Kompanie gab den Hauptfeldwebel und die 14. Kompanie den bewährten Oberleutnant Bärwald als neuen Kompanie-Chef ab. Schon nach sehr kurzer Zeit hat diese neu aufgestellte Kormpanie ihre geschlossene Einhalt bewiesen. Trotz aller Schwierigkeiten, die die Kompanie nach der Aufstellung zu überwinden hatte, war sie bereits nach fünf Wochen soweit, daß sie am 10.3.1940 als Ehrenkompanie an den Feiern des Heldengedenktages in Wasserberg teilnehmen konnte. Griff und Marsch ließen sich sehen. Und im Schießwettbewerb um den Preis des Kommandierenden Generals erhielt diese Kompanie am 3.4.1940 im Ent-scheidungskampf gegen die Besten der I. R. 53 und 101 den 1. Preis mit 468 Ringen und 100 Treffern!


Stellenbesetzung des I. R. 11 am 10. Mai 1940: Regiments-Stab:

Kommandeur:            Oberst Oeller

Adjutant:                    Hauptmann Sperling

Ord. Offz.:                  Oberleutnant d. R. Dr. Wapler

Nachrichten-Offz.:     Oberleutnant Fichtner

Verpflegungs-Offz.:   Oberleutnant d. R. Hofmann

Rgt. Veterinär:            Stabs-Veterinär Dr. Brunner

Stabs-Kompanie:        Hauptmann d. R. Dr. Weinschenk

 

Reiterzug:       Oberleutnant H. Pinckert

 

13. (l. G.) Kompanie:

Hauptmann d. R. Camphausen

Leutnant Franke

Leutnant d. R. Berger

 

14. (Pz. Abw.) Kompanie:

Hauptmann Emmerich

Leutnant Böhm

Leutnant von der Decken

Leutnant Gliemann

Oberfeldwebel Klawitta

 

1. Bataillon:

Bataillons-Stab:

Kommandeur:            Major Weiß

Adjutant:                    Leutnant Overhoff

Ord. Offizier.              Leutnant d. R. Engelhardt

Truppenarzt:              Oberarzt Dr. Ewald

Hilfsarzt:                     Unterarzt d. R. jaeger

Hilfsarzt:                     Unterarzt d. R. Fleck Zahlmeister: Kr. V. Inspekteur Kurz

 

1. Kompanie

Hauptmann Habicht

Leutnant d. R. Jäckel

Leutnant Vagt

2. Kompanie

Oberleutnant d. R. Altstädt

Leutnant Hartmann

Leutnant d. R. Funk

Leutnant Zimmermann

3. Kompanie

Oberleutnant d. R. Schröder

Leutnant Kaddatz

Leutnant d. R. Lechner

Leutnant d. R. Plapper

4. Kompanie

Oberleutnant Freiherr v. Hoyningen gen. Huene

Leutnant Bahmann

Leutnant d. R. Nicklas

Leutnant Gerngroß

Oberleutnant Koch

 

II. Bataillon:

Bataillons-Stab:

Kommandeur:            Major d. R. Leschke

Adjutant:                    Leutnant Drechsler

Ord. Offizier:        Leutnant d. R. Fritsche

Truppenarzt:              Stabsarzt d. R. Dr. Greif

Hilfsarzt:                     Unterarzt Meyer

Zahlmeister:               Zahlmeister d. R. Engst

5. Kompanie

Oberleutnant d. R. Schröter

Leutnant Falk

6. Kompanie

Oberleutnant d. R. Lübeck

Leutnant Zimmermann

7. Kompanie

Oberleutnant Hauptmann

Leutnant Koniecny

Leutnant d. R. Benndorf

8. Kompanie

Oberleutnant G. Pinckert

Leutnant d. R. Mühlmann

Leutnant d. R. Zillmann

 

III. Bataillon:

Bataillons-Stab:

Kommandeur:            Oberstleutnant Oertel

Adjutant:                    Leutnant Gerngroß

Ord. Offizier:              Leutnant Kerber

Truppenarzt:              Oberarzt Dr. Trummler

Hilfsarzt:                     Unterarzt Dr. Hartmann

Zahlmeister:               O. Zahlmeister d. R. Hänft

9. Kompanie

Oberleutnant Irmler

Leutnant d. R. Porwoll

10. Kompanie

Oberleutnant d. R. Bärwald

Leutnant Negendank

Oberfeldwebel Thieme

Leutnant d. R. Gröschel

11. Kompanie

Oberleutnant Schmidt

Leutnant Kail

Leutnant d. R. Sehr

12. Kompanie

Hauptmann Eckart

Leutnant d. R. Martin

Leutnant Hartmann

 

 

Am  9.5.1940  wird das Regiment alarmiert. Bei allen Kompanien herrschte reger Betrieb. Nach den vielen

Alarmübungen waren die Bataillone und selbständigen Kompanien in kürzester Zeit einsatzbereit. Stichworte

wie „Hindenburg" oder „Offiziershauptversammlung" oder „Danzig" sammelten die Kompaniechefs. Nach Vororien-

tierungen wurden Befehle für Bereitstellung und Angriff ausgegeben. Anfänglich befürchteten alle noch, daß es

sich wie in den vorausgegangenen Wochen um eine Alarmübung handeln würde. (Als dann; aber)der Befehl zur Grenzüberschreitung durchdringt, bemächtigt sich aller eine unbeschreibliche Begeisterung. Viele umarmen sich vor Freude. Unter der Bevölkerung kreisen Parolen aller Art.

Um einen geplanten Einfall des Feindes über Holland und Belgien in das Ruhrgebiet so schnell und wirksam wie irgend möglich entgegenzutreten war beim III./I. R. 11 eine Vorausabteilung gebildet worden, die infolge ihrer Zusammensetzung, Bewaffnung und Motorisierung in der Lage war Feindwiderstände in kürzester Zeit zu brechen und ein schnelles Vorgehen zu ermöglichen. Zu dieser Vorausabteilung gehörten vom III. Btl. die 9. 11. und Teile der 12. Kompanie. Die 10. Kompanie und Teile der 12. bildeten die Reserve des Regiments. Um die Vorausabteilung zu motorisieren ließ die 14. Kompanie 2. Züge absitzen.

In der Nacht vom 9./10. Mai wurde der Regimentsbefehl für den Angriff und die Feindlage herausgegeben. Das französisch-englische Heer wurde in der Linie Dünkirchen-Diedenhofen angegeben. Vom holländischen Heer nahm man an, daß es mit schwachen Kräften im Maastricht-Zipfel und im Angriffsstreifen des Regiments bis zur Maas bzw. zum Juliana-Kanal lag. Das belgische Heer lag mit schwachen Kräften an der holländisch-belgischen Grenze und dem Maas-Schelde-Kanal und mit stärkeren Kräften hinter dem Albert-Kanal.

In der Nacht hörte man Sprengungen auf holländischem Gebiet. Teile der Regiments-Kompanien werden den Bataillonen zugeführt.

Am 10. Mai um 5.35 ist Angriffsbeginn. Eine kurze Verzögerung war dadurch eingetreten, daß die Vorausabteilung zunächst einen falschen Weg einschlug, und das Zurückziehen auf den richtigen Weg einige Zeit erforderte. Mit Angriffsbeginn überflogen zahlreiche eigene Staffeln die Grenze. Es klappt alles. Am Zollhaus in Karken werden die ersten holländischen Gefangenen eingebracht. Nach Beseitigung der Sperren kann die Vor-ausabteilung unter Oberstleutnant Oertel, wie vorgesehen, antreten. Das 1. Btl, folgt dicht der Vorausabteilung und erreicht ebenfalls planmäßig das 1. Angriffsziel. Durch Sprengung der Brücke über den Juliana-Kanal und Brechen geringen holländischen Widerstandes tritt eine kurze Verzögerung ein. Die Straßen und Wege dorthin sind außerordentlich schlecht, da die holländische Regierung anscheinend den Grenzstreifen systematisch hatte verkommen lassen. Zahlreiche Sperren erschwerten das Vordringen. Für den Angriff des Regiments hatte die 14. Kompanie 2 Pak-Züge zur Verstärkung der Vorausab-teilung Oertel und die Kfz. der anderen beiden Züge für den Mannschaftstransport abgestellt. Der Kompanie-chef erhielt den Befehl, die Vorausabteilung zu begleiten, damit nach Erreichung des 1. Angriffszieles die abgestellten Kfz. die zurückgebliebenen zwei Züge nachholen konnten. Am Juliana-Kanal blieb zunächst die 9. Kompanie unter Oberleutnant Irmler liegen, da die Brücke gesprengt war und die Holländer aus. einem Dutzend Erdbunker die Gegend mit MG-Feuer bestrichen. Eine sofort eingesetzte Pak brachte das MG-Feuer zum Schweigen. Indessen löste vom 1. Btl, die 3. Kompanie die 9. Kompanie ab, so daß bereits in den ersten Nachmittagsstun-den die Vorausabteilung Oertel über die Maas übersetzen kann.

Da sämtliche Bespannfahrzeuge hinter den Wasserläufen zurückgelassen werden mußten, requiriert die Truppe zahlreiche landesübliche Fahrzeuge und Gespanne zum Transport von Waffen und Munition, und zwingt selbst ihre Besitzer, mit der Trappe mitzuziehen. Diese wurden nach Erreichung des Maas-Schelde-Kanals entlassen, als sich herausstellte, daß durch Sprengung der Kanal-brücke ein weiteres Mitführen nicht möglich war. II. und I. Bataillon schlossen sich schnell der Vorausabteilung an und nach einer kurzen Bereitstellung gehen alle drei Bataillone bei geringem Feindwiderstand über Maas und Kanal und setzen den Angriff fort. Das rechts vom Regi-ment eingesetzte I. R. 53 bleibt weit zurück, so daß das I. Btl. eine Sicherung nach Norden vorschieben mußte.

Hinter den Wasserläufen blieben auch die Feldküchen und Verpflegungsfahrzeuge zurück, so daß auf die Ausgabe einer warmen Verpflegung verzichtet werden mußte. Nach einer Bereitstellung in der Nacht werden am 11. Mai die Angriffe des Regiments zur Erreichung des Maas-Schelde-Kanals fortgesetzt. Neben dem III. wird das I. Btl. in vorderer Linie eingesetzt. Die Erkundung ergab, daß Feldbefestigungen und mehrere Bunker am jenseitigen Ufer des Kanals lagen, die offensichtlich nur schwach besetzt waren. Die Kanalbrücke war zerstört und konnte von einzelnen Schützen durch Klettern überwunden werden. Unter starkem Feuerschutz wurde der Kanal überwunden. Unter Führung von Leutnant Kaddatz vom 1. Bataillon wurde ein Brückenkopf gebildet. Hierbei wurden die ersten belgischen Gefangenen ge-macht. Durch Beschlagnahme mehrerer Pkw und Lkw bildete das I. Btl. unter Führung von Hauptmann Habicht mit Teilen der 1. Kompanie, Pak und anderen schweren Waffen eine eigene Vorausabteilung. Leutnant Overhoff wird zur Erkundung des durch zahlreiche Sperren zer-störten Vormarsches vorausgesandt. Die Masse des Btl. folgte unter Führung von Oberleutnant Freiherr v. Hoyningen gen. Huene. Als das 1. Btl. mit seiner Vorausabteilung Hoeveneinde erreichte, und vom Rgt. keinerlei weiterer Befehle vorlag, entschloß sich der Btl.-Kommandeur, Major Weiß, eine starke Aufklärung gegen den Albert-Kanal mit einem starken Offizierspähtrupp mit Leutnant Jäckel unter Führung von Leutnant Overhoff vorzutreiben. Der Spähtrupp erhielt den Auftrag festzustellen, ob die Kanalbrücken bei Stokrooi zerstört sind, ob das diesseitige Kanalufer feindfrei ist sowie Erkundung von Bereitstellungs- und Annäherungsmöglichkeiten am Kanal wurden nur einige befestigte Feldstellungen, Bunkeranlagen und Zerstörung beider Kanalbrücken fest-gestellt.

Die am Albert-Kanal festgestellten Erdbunker stellten für das Regiment ein erstes ernsteres Hindernis dar. Die unterstellten Pak-Züge der 14. Kp. schossen mit Spreng-granaten und hatten vortreffliche Wirkung. Einige der Bunker waren als Haus oder Scheune getarnt. Nach dem Kampf gegen die Uferbefestigungen setzten die Bataillone mit ihren Floßsäcken über.

Am 12. Mai, Pfingstsonntag, stellte I./11 die Verbindung zum 1./53 her. Major Schultz. der Führer der Vorausabteilung 53, war dabei auf starken Feindwiderstand gestoßen und bat das 1. Bataillon, die eingeschlossene Radfahr-Schwadron bei Lummen herauszuhauen, weil ihm hierfür schwere Waffen fehlten. Die 1. Kompanie unter Führung von Hauptmann Habicht dem unterstellten I. G. Zug Leutnant Berger und s. M. G.-Zug Bahmann kommen dem I. R. 53 zu Hilfe. Der Feindwiderstand wurde trotz starken feindlichen Art.-Feuers gebrochen und die eingeschlossenen Teile herausgehauen. Bei geringen eigenen Verlusten wurden 71 belgische Gefangene, darunter 3 Offiziere eingebracht.

Der Spähtruppführer Leutnant Jäckel wurde bei der Zer-sprengung und Verfolgung einer feindlichen I. G.-Kompanie verwundet. Er, wie Leutnant Overhoff und ein Uffz. und zwei Gefreite der 1. Kompanie erhielten an diesem Tage wegen ihres rücksichtslosen Einsatzes bei den Unternehmungen am Albert-Kanal das E K II. Wegen Tapferkeit vor dem Feind wurde R. Schmidt von der 1. Kp. zum Gefreiten befördert.

Die als Regimentsreserve nachgeführte 10. Kompanie wurde zu Pionierarbeiten eingesetzt und besserte die vor Zouhoven zerstörte Straßenbrücke aus, so daß Gefechts-fahrzeuge nachgezogen werden konnten.

Der 13. Mai wurde im ganzen Regimentsabschnitt durch vorgetriebene Aufklärungen gegen den Gete-Abschnitt ausgefüllt. In den Abendstunden wurde vermutet daß der Gegner die Gete in Schlauchbooten überschritten habe. Der Regiments-Kommandeur, Oberst Oeller forderte bei der Division Art.-Feuer, besonders zur Bekämpfung feindlichen Art.-Feuers aus dem Raum um Haien, an und besprach mit dem Chef einer schweren Batterie (58/mot) den Feuerplan. Die Truppe und besonders die in Donk und Waterkant liegenden Teile des Rgt. sind durch das außerordentliche heftige Art.-Feuer stark beeindruckt, zumal eine eigene Art: Unterstützung fehlte. Am 15./16. Mai stellte sich das Regiment zum Angriff auf die Dyle-Stellung bei Löwen bereit. Zum erstenmal standen wir Engländern gegenüber, die sich am Ostrand von Löwen hartnäckig verteidigter. Der Chef der 14. Kompanie, Hauptmann Emmerich, erhielt vom Regiments-Kommandeur den Befehl, seine Kompanie geschlossen zum Schutz der Bereitstellung und des Angriffs einzusetzen. Im Zuge von Aufklärungsaufträgen hatte sich Leutnant Engelhardt mit seinen Leuten durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet. Mehrere Kräder mit Beiwagen wurden erbeutet, die später in den Dienst der Motorisierung des Regiments gestellt wurden. Auch hier waren Tapferkeitsmedaillen die Belohnung.

Im Raum vor Löwen wurden II. und III. Bataillon vorn eingesetzt. Das 1. Btl. blieb Regimentsreserve. I. R. 101 sollte herausgezogen werden, um sich links vom I. R. 11 bereitzustellen. Nach den Anstrengungen der ersten Tage konnte sich das 1. Btl. mal richtig ausruhen. Heftiges feindliches Art.-Feuer, das von Beobachtungsfliegern geleitet wird, liegt auf dem Rgt.-Abschnitt. In der Nacht vor dem Angriff wurde ein Pak-Zug und eine starke mot. Aufklärung nach Süden angesetzt, da Tuchfühlung zum linken Nachbar fehlte. Dieser Raum hatte besondere Bedeutung für den Angriff des Regiments. Der Reg.-Gef. Stand lag bei Cosy Corner. Wegen des zähen Widerstandes der Engländer am Ostrand der Stadt, wo zudem die Straßenbrücke, die am Osteingang über eine zwei-gleisige, tiefeingeschnittene Bahnlinie führte, gesprengt war sollte das II. Btl. unter Führung von Major Leschke von Süden her die Stadt angreifen. Hier waren besonders starke Minen- und Straßensperren. Der Angriff wurde für den 17. Mai 8 Uhr befohlen. Eine Viertelstunde vorher sahen wir den Angriff deutscher Stukas auf die Stadt als Vorbereitung für den Angriff der Infanterie. Nach Überschreiten der Dyle-Stellung traf das II. Btl. auf besonders stark verminte Straßen. Kurz nach einem Bahnübergang fuhr der Ord. Offizier des Btl., Leutnant Drechsler, mit seinem Bw-Krad auf eine Mine und wurde dabei In die Luft bis in das zweite Stockwerk eines Hauses geschleudert. Der Offizier war sofort tot.

Während nach der Säuberung der Stadt Löwen das I. und III. Btl. zur Sicherung nach Westen und Nordwesten eingesetzt werden, erhielt das 1. Btl. vom Divisions-Kommandeur, General Weyer, den Befehl zur Bildung einer Vorausabteilung mit dem Auftrag, die Brücken nordwestlich von Brüssel in die Hand zu nehmen.

Hierzu wurden dem Bataillon folgende Teile unterstellt:

 

Gesamte 14./I. R. 11 unter Führung von Hauptmann Eimmerich,

1 Zug 13./I. R. 11,

1 Kompanie Panzerjäger unter Führung von Oberleutnant Brandt,

2 Batterien II/46 unter Führung von Major Falbe,

1 Funkstelle (mot) der Division,

1 Horchaufklärungszug Nachr. Abt. 14 und 4 Lkw der Brückenkolonne.

 

Die zusammengestellten Teile der V.A. sammelten sich auf der Straße Hamme-Mille-Löwen mit Anfang am Bahnübergang Heverle. Generaloberst v. Reichenau wünschte dem Btl.-Kdr. Mj. Weiß Glück u. Gelingen des Auftrages.

Nach einer Befehlsausgabe setzte sich die V.A. in folgender Gliederung in Marsch;

 

Voraus ein Kradspähtrupp unter Führung von Leutnant Kaddatz, mit 2-4 km Abstand eine Radfahrspitze unter Führung von Leutnant Plapper, dann ein Pak-Zug der Rest der verst. 3. Kompanie und Masse 14. Kompanie. Ein Zug der 13./11 wurde auf Lkw verladen, in 1-2km Abstand folgten die Radfahrer der 1. Kompanie und die restlichen vorher aufgeführten Teile. Der Btl: Kdr. setzte sich an die Spitze. Der Vormarschweg war Löwen-Berthem-Vossen-Wesembeek-St. Etiene-Schaerbeek. Einige Wegesperren hielten den Vormarsch auf. Sie konnten jedoch auf schnell gefundenen Umgehungswegen umgangen wer-den. Der vorausgefahrene Führer der V.A. besetzte mit einem MG des Kradspähtrupps den völlig unversehrten Sender Schaerbeek-Brüssel, der durch das schnelle Zugreifen vor seiner Zerstörung durch die Engländer bewahrt werden konnte.

 

Als der durch Pannen aufgehaltene Kradspähtrupp an der Wegegabel Woluwe St. Etiene-Brüssel einbog stiessen 1 engl. Panzerspähwagen und 1 engl. PanzerAbwehrGeschütz in den Rücken. Der Gefreiter Fietkau der 2. Kompanie brachte sofort sein MG in Stellung und setzte einige Engländer außer Gefecht. Als 2 englische Panzer eingriffen, brachte Hauptmann Emmerich selbst am Geschütz seiner Kompanie, den einen zur Strecke. Der andere Panzer bog in eine Seitengasse und nach einem weiteren Treffer konnte festgestellt werden daß die Besatzung geflohen war. Bei den folgenden Häuserkämpfen wurden hartnäckige Gegner verwundet bzw. gefangen genommen.

 

Noch während der Kämpfe erschien plötzlich der spanische Botschafter und erklärte, den Divisions-General sprechen zu wollen, der die vor Brüssel stehenden Truppen befehligte. Major Weiß erklärte ihm, daß Verhandlungen mit ihm zu führen seien. Um eine unnötige Zerstörung der Stadt Brüssel zu vermeiden, wurde ein Treff vereinbart, um mit dem Oberbürgermeister der Stadt Brüssel zu verhandeln. Als sich herausstellte, daß der Weg nach Brüssel feindfrei war, ließ Hauptmann Emmerich seine Kompanie mit erhöhter Geschwindigkeit vorziehen. Major Weiß mit den Offizieren seines Stabes. Leutnant Overhoff und Engelhardt und Oberleutnant Freiherr von Hoyningen gen. Huene und dem Kommandeur der Art. Abt. 11/46 fahren im Wagen -von Chef 14. Kp., begleitet vorn Kompanietrupp dieser Kompanie und nur einer Pak, auf die belgische Hauptstadt zu. Unterwegs werden zwei Polizisten auf den Trittbrettern des Pkw zur Einweisung mitgenommen. Im scharfen Tempo ging es durch die abwechselnd breiten und dann wieder eng verwinkelten Straßen. Auf einmal tat sich vor uns der prachtvolle stilreine Renaissance-Marktplatz von Brüssel auf, an dessen Längstseite das schöne Rathaus stand. Sofort wurden die Zugänge zu diesem einzig schönen Platz von den Kradfahrern und der ,Pak abgesperrt. Major Weiß und seine paar Offiziere gingen durch lange hohe Gänge und Flure über dicke Teppiche und an riesigen Gemälden belgischer Könige vorbei und standen dann im Zimmer des Oberbürgermeisters dieser schönen Stadt, der über diesen plötzlichen Besuch erstaunt war. Mit Hilfe des spanischen Botschafters kam es dann zu einer Verständigung. Die Forderungen und Bedingungen von Major Weiß eine uneingeschränkte Übergabe der Stadt, sowie die Entwaffnung der Polizei, konnten jedoch nicht erreicht werden. Allerdings garantierte der Oberbürgermeister nur den Ortsteil der Stadt bis zum Kanal zu, weil sich darin nach seiner Versicherung keine belgischen Truppen mehr befanden. Für die Stadt westlich des Kanals konnte er sich nicht verbürgen und lehnte die Verantwortung für alle Engländer grundsätzlich ab. Er sollte damit Recht behalten. Eines der größten Erlebnisse des Frankreichfeldzuges für das I.R. 11 war damit vorüber.

 

 

9. Fortsetzung der Geschichte des 11. (Sächsischen) Infanterie-Regiments

 

Belgiënfeldzuges

 

Bericht über die Einnahme von Brüssel

von Frhr. v. Hoyingen-Huene +

Oberleutnant und Kp.-Chef 4./I. R. 11

 

„In unaufhaltsamen Vormarsch ist unser Infanterie-Bataillon seit jenem 10. Mai durch Holland und Belgien vorwärts gestürmt. Zahlreiche Kanäle und Wasserläufe hatte es zu überwinden gehabt. Oft mußten die Fahrzeuge tagelang dahinter zurückbleiben, das schwere Gerät dann getragen oder behelfsmäßig auf requirierte Fahrräder oder die typisch belgischen, zweirädrigen Bauernwagen gepackt werden. Harte Kämpfe gegen Belgier und Engländer liegen hinter uns. Aber kein Feind, kein Feuer, keine gesprengten Straßen und Brücken, keine Sperren und Hindernisse hatten uns aufhalten können. Fast dauernd in vorderster Linie und ohne Unterstützung von Panzern und Motorisierten, war das Bataillon dem Gegner an der Klinge geblieben, trotz aller Schwierigkeiten und gewaltigen Anstrengungen immer wieder vorwärts gerissen durch seinen Kommandeur, Major Weiß.

Der Feind durfte nicht zur Ruhe kommen. So werden wir am 11. Mai mittags, nachdem die stark ausgebaute und hartnäckig verteidigte Dyle-Stellung um Löwen eben durchstoßen ist, aus vorübergehender Reserve wieder nach vorn gezogen und der Kom-mandeur erhält den schönen Auftrag: „Vorausabteilung auf Brüssel ". Es geht um die belgische Hauptstadt, alle Gesichter strahlen und viele fühlen heute wird etwas Einmaliges geboten! Aber noch sind wir nicht da, und wer weiß, was im Zwischengelände - etwa 25 km - auf uns wartet!

Rasch wird die Vorausabteilung zusammengestellt und auf der großen Staatsstraße Namur - Löwen gegliedert. Alle irgendwie greifbaren Fahrzeuge müssen verwendet werden, die unterstellten motorisierten Waffen werden herangezogen und auch teilweise zur Verladung der Infanterie ausgenutzt. Während wir noch dabei sind, dies zu regeln, kommt - begleitet von einem Panzerspähwagen - ein mächtiger Pkw angerauscht und hält. Neben dem Fahrer sitzt General-oberst v. Reichenau, der Oberbefehlshaber unserer Armee. Der Kommandeur meldet, der General läßt sich kurz orientieren und wünscht uns dann viel Glück zu unserem Unternehmen. Wir sollten es haben!

Bald darauf tritt die V, A. An. Voraus eine motorisierte Spitze auf erbeuteten belg, Krädern, dann eine Sicherung auf Fahrrädern und beigegebener Pak und dahinter mit Abstand der ganze Schwarm der auf einmal zum Radfahr-Bataillon gewordenen Infanteristen mit den dazwischen geschobenen Motorisierten. Unsere Pferde und Fahrzeuge blieben wieder einmal auf ungewisses Wiedersehen zurück. Ich habe mich mit in den Wagen des Kdr. geklemmt.

Wir brausen nach vorn an die Spitze. Durch Löwen hindurch, an gesprengten Sperren erst vor wenigen Stunden genommener engl. Stellungen und dann an entwickelt vorgehender deutscher Infanterie vorbei, geht es auf der großen Straße nach Westen. Straßensprengungen und StukaTrichter zwingen uns zu kurzem Halt. Aber sie werden umfahren oder unser reichlich asthmatischer, requierierter Wagen quält sich doch unter tiefen Seufzer darüber hinweg. Stumpf und gleichgültig sitzen einige gefangene Tommys im Straßengraben. Wie war das doch mit der Wäsche an der Siegfried-Linie?

Dann zwingt uns eine tiefe Sprengung doch auf einen Nebenweg. In jagender Fahrt geht es durch niedrigen Buschwald weiter. Dem Fahrer wird es etwas ungemüt-lich, er denkt wohl an Minen. „Gas, Mensch, man kann nur einmal in die Luft fliegen" meint der Kdr. Dieser Trost hilft. Auf Zickzackwegen, wie es uns vorgeschrieben war, nähern wir uns der Staatsstraße Löwen - Brussel . Wir sind weit vor der Vorausabteilung, nur die Kradspitze muß noch vor uns sein- Auf einmal halten wir vor einem nagelneuen Sendehaus mit seinen hohen Funktürmen. Breite Terrassen führen hinauf nach dem kleinen Hügel, auf dem alles liegt. Alles ver-schlossen, die anliegende Ortschaft ist unheimlich still und ausgestorben. Die Belgier erwarten wohl im Keller bebbernd ihre Massakrierung durch uns Barbaren! -

Wir schlagen eine Tür des Sendehauses ein, stellen fest, daß man anscheinend mit der Vernichtung der Sendeanlagen nicht fertig geworden ist, Wir waren wohl etwas zu schnell!

Dann sehen wir auf der großen Straße am Horizont Kraftfahrzeuge aus Richtung Löwen nach Brüssel rollen. Rasch weiter Gas! Als wir an das Straßenkreuz in Woluwe kommen, hat sich dort folgendes ereignet: Gerade als die Kradspitze dort auf die große Straße nach Brüssel einbiegen wollte, kamen von hinten, aus Richtung Löwen , einige gepanzerte englische Zugmaschinen mit angehängtem Geschütz und Panzer angefahren. Sofort war der Gefr. Fietkau (2. Kp.) mit seinem 1. MG an der Hausecke in Stellung gegangen und hatte auf nächste Entfernung seine Garbe in die erste Zugmaschine peitschen lassen. Der Erfolg war vernichtend. Kaum 15 m von der Ecke steht das klobige engl. Kraftfahrzeug auf der Straße, tot oder schwerverwundet sind alle Tommys darin mit wächsernen Gesichtern und verkrallten Händen übereinandergefallen, Blut und Öl verfließen miteinander im Wageninnern.

Die andere Zugmaschine und der Panzer waren darauf von der Straße her-unter in die kleinen Gärten der Bauernhäuser ausgerissen. Aber da ist auch schon eine Pak zur Stelle und unter donnerndem Krachen fahren die Granaten in den feindlichen Stahl. Der Chef der 14. Kp., Hpt. Emmerich, kniet selbst an der Pak und schießt. -

Da kommt plötzlich eine unheimlich vornehme, lange Limousine aus Richtung Brüssel angerauscht mit kleiner gelb-rot-gelber Flagge. Ein langer, dunkler Zivilist entsteigt ihr und stellt sich uns als der spanische Botschafter in Brüssel vor. Donnerwetter, die Sache wird interessant! Er soll im Auftrag des Ober-bürgermeisters die Übergabe der Stadt vermitteln und wünscht den deutschen General zu sprechen. Da dieser zur Zeit wirklich nicht zu erreichen ist, muß er einstweilen mit uns vorlieb nehmen. Der Kdr, vereinbart mit ihm noch der Karte einen Punkt, an dem zu einer bestimmten Zeit die Stadt durch den Oberbürgermei-ster übergeben werden soll. Kaum ist der schnittige Wogen mit dem Herrn Boschafter wieder davon gebraust, fällt uns ein: Wir hoben vergessen, daß man sich in Belgien wohl kaum nach mitteleuropäischer, geschweige denn deutscher Sommerzeit richtet. Also kommt der Oberbürgermeister erst zwei Stunden später, und das ist zu spät, denn es dunkelt bereits. Panne! Aber der Kdr. ist rasch entschlossen: Wir holen uns einfach die Übergabe.

Die inzwischen herangekommene Vorausabteilung tritt erneut an, Richtung Brüssel. Wir paar Offiziere aber besteigen wieder unsere Wagen und mit weni-gen Kradfahrern und Fahrzeugen der Pak-Kp. geht es auf der breiten, schönen Straße und in scharfem Tempo auf die belg. Hauptstadt zu, Unwillkürlich denkt man an Bindings: „Wir fordern Reims zur Übergabe auf!" Am Stadtrand wird noch einmal kurz gehalten und das Häuflein gesammelt. Viel sind es ja gerade nicht und unsere verfügbaren Waffen für einen eventuellen Straßenkampf ungenügend und unzureichend. Aber nur der Mutige hat Glück und bei uns herrscht Hochstimmung!

Wir fahren wieder an, neugierig und abweisend mustern uns die wenigen Zivilisten, die sich auf den Straßen zeigen. Zwei weißbehelmte Polizisten lassen wir auf die Trittbretter unseres Wagens treten, sie müssen uns den Weg zum Rathaus zeigen. Im scharfen Tempo geht es durch die abwechselnd breiten und dann wieder eng verwinkelten Straßen. Und auf einmal tut sich vor uns der prachtvolle, stilreine Renaissance-Marktplatz von Brüssel auf, an seiner einen Längsseite das schöne Rathaus. Davor einige schmucke Limousinen, auch die des spanischen Botschafters ist dabei. Sofort werden die Zugänge zu diesem einzigartig schönen Platz von unseren Krad-fahrern abgesperrt. Dahinter staut sich allerhand neugieriges Volk.

Und dann hallen unsere Schritte - wieder geführt von Weißbehelmten - durch die langen hohen Gänge und Flure des wunderschönen Rathauses. Eine Tür tut sich auf und wir paar Offiziere stehen in dem prachtvollen Beratungszimmer des Rathauses der belgischen Haupt-stadt. Dicke Teppiche schwellen unter unseren ver-staubten Stiefeln, riesige Gemälde der belgischen Könige schauen aus schweren goldenen Rahmen auf uns herab, alles ist gediegen und reich. Man geniert sich direkt ein wenig, denn in dieser Umgebung merkt man plötzlich, daß man reichlich unrasiert ist, die Hände bedeutend sauberer sein könnten, kurz, daß man ein rechtes Frontschwein im Salon ist.

Um den großen Beratungstisch stehen und sitzen des Oberbürgermeister und die anderen Bürgermeister der Stadt, der spanische Botschafter und dessen Begleiter, etwa 6-7 Herren mit recht besorgten Gesichtern und zunächst tüchtig erstaunt, daß wir schon da sind. Die Verständigung ist etwas schwierig, aber mit Hilfe des Botschafters gelingt es dann. Zunächst versucht der Oberbürgermeister uns hinzuhalten und betont auf unsere Bedingungen - uneingeschränkte Übergabe und Garantie der Stadt, sowie Entwaffnung der Polizei - immer wieder, daß er darüber mit denn General in Unterhandlung treten wolle. Dann aber wird der Kommandeur energisch und noch kurzer Zeit haben wir die Übergabe der Stadt Brüssel schwarz auf weiß in der Tasche, datiert vom 17. 5. 1940, 19.45 Uhr.

Allerdings garantierte uns der Oberbürgermeister nur den Ostteil der Stadt bis zum Kanal, weil sich darin noch seiner Versicherung keine belg. Truppen mehr befänden. Für die Stadt westlich des Kanals konnte er sich nicht verbürgen und lehnte die Verantwortung für alle Engländer grundsätzlich ab. Er sollte damit recht behalten.

Die Garantie der Oststadt genügte aber für unsere Aufgabe und so verließen wir dann noch förmlicher Verabschiedung wieder diese historische Stätte, Drau-ßen auf dem Marktplatz treten wir noch einmal mit der Front zum Rathaus an und während wir grüßen, wird langsam am Turm eine Hakenkreuzflagge hochgezogen. Eines der größten Erlebnisse dieses Feldzuges ist für uns vorüber. Es war gelungen durch das rasche und kühne Zufassen unseres Kommandeurs,

Beim Vorfahren an den Kanal, der die Stadt in zwei Hälften teilt, erhielten wir dann vom Westufer plötzlich starkes engt M-, Granatwerfer- und sogar Art.-Feuer, das die ganze Nacht hindurch andauerte und uns leider einige Verluste kostete. Und dann während um uns in den ausgestorbenen dunklen Straßen die Granaten detonieren, hören wir am Radio um Mitter-nacht die Sondermeldung, daß Brüssel unseren Truppen kampflos übergeben worden ist!"

 

Soweit der Bericht des später gefallenen Oberleutnant von Hoyningengen-Huene.

Die Übergabeverhandlung des Herrn Oberbürgermeisters von Brüssel hatte folgenden Text

 

Ville  Bruxelles, le 17 mai 1940

de

BRUXELLES

(Wappen)

Cabinet Du Bourgmestre (Siegel)

 

DECLARATION

Ce 17 mai 1940 ä 7 heures 45. j'ai requ en man Cabinet ä l'Hötel de Ville de Bruxelles, un groupe d'officiers allemands commandes par le Major Weiss: celuici m'a demandé de lui remettre la Ville situee a t'est des canaux qui traversent la Ville et de repondre de la tranquillite de la Population et du desarmement de la police.

Je declare accepter et demande d'etre mis en rapport le plus tt possible avec le General Commandant les troupes davant Bruxelles. Je declare, en outre, ne donner aucune garantie en ce qui concerne les abords immediats du canal,

 

gez. Unterschrift

Bourgmestre de Bruxelles

übersetzt:

Erklärung

Heute, am 17. Mai 1940, 7. 45 Uhr, habe ich in mei-nem Amtszimmer im Rathaus zu Brüssel eine Gruppe deutscher Offiziere unter Führung von Major Weiss empfangen: dieser hat mich aufgefordert, ihm die Stadt, soweit sie ostwärts der sie durchfließenden Kanäle liegt, zu übergeben und für Ruhe unter der Bevölkerung und für die Entwaffnung der Polizei zu sorgen. Ich erkläre. daß ich diese Forderung annehme und verlange, daß ich mit dem Kommandierenden General der vor Brüssel stehenden Truppen in Verbindung gebracht werde. Außerdem erkläre ich, keinerlei Garantie hinsichtlich der Gegend unmittelbar am Kanal zu geben.

Bürgermeister von Brüssel

 

Die der Division durch Funk gemeldete Übergabe der belg. Hauptstadt führte zu der in der Nacht durch den Rundfunk gegebenen Sondermeldung: Brüssel wurde unseren Truppen kampflos übergeben!

Dies entsprach jedoch in keiner Weise der wirklichen Sachlage, da die durch das rasche Vordringen stark ermüdeten und ausgepumpten Truppen wiederholt aus einzelnen Häusern Feuer erhielten und auch später in verlustreiche Kämpfe mit englischen Nachhuten verwickelt wurden. Der Bürgermeister sicherte in der Ubergabeverhandlung auch nur die kampflose Haltung der Bevölkerung im Stadtteil ostwärts des Kanals zu, wollte jedoch nicht die Garantie für die Bevölkerung des Westteils der Stadt und noch etwa zurückgebliebener Engländer diesseits des Kanals übernehmen. Durch die schnell erzwungene Obergabe der Stadt und dem scharfen Nachdrängen hinter den Engländern, gelang es dem 1, Bataillon die gesamte Elektrizitäts- und Wasserversorgung der Stadt vor der Zerstörung zu schützen.

 

Während der Übergabeverhandlung erreichte die Vorhut den Brüsseler Seekanal und traf hierbei die Englänger mitten bei ihren Sprengarbeiten an den Kanalbrücken an. Die Spähtrupps der 1. Kompanie gerieten in starkes MG- und Gewehrfeuer aus englischen Nestern diesseits und jenseits des Kanals. Dem Oberleutnant Schröder, Chef der 3. Kompanie (war im Polen-feldzug mit Oblt. Bärwald Zugführer in der 14. Kornpanie), gelang es, als erster vor der Kp., die englischen Sprengtrupps mit seiner MP von der Eisenbahnüberführung zu vertreiben und die an der Kanalbrücke eingesetzten Engländer mit wenigen Männern seiner Kp. im Nahkampf am Scharfmachen der Minen und Entzünden der am ersten Pfeiler der Brücke angebrachten Sprengladung zu verhindern. Durch sein energisches Zugreifen gelang es der V. A., die für den späteren Vormarsch der Div. alle noch brauchbaren Brücken in die Hand zu nehmen. Die in den späten Abendstunden entstandenen Kämpfe am Kanal waren für beide Seiten recht verlustreich. Im starken MG-Feuer der Engländer blieb an einer Brückenauffahrt der Leutnant Kaddatz von der 3. Kp, liegen, Auch die gerade in Stellung gehende Pak des Uffz. v. Kaurecke mußte unter dem starken feindlichen Feuer stehen gelassen werden. Die Mannschaft suchte Deckung hinter den Häusern. Trotz des starken feindlichen Feuers fuhr der einzige Gefreite der Res, der 14. Kompanie mit seinem Beiwagen-Krad auf die Kreuzung, zerrte den schwer verwundeten leutnant Kaddatz in den Beiwagen und brachte diesen Offizier und sich in Sicherheit. Diese mutige Tat wurde noch in der glei - chen Nacht durch das EK II belohnt, wie der Gefreiter Fietkau von der 2. Kompanie das EK 1 erhielt. Mit Ein-bruch der Dunkelheit konnte auch die Pak in Deckung gezogen werden.

 

Nachdem nicht zeitgerecht die 1. Kp, vom Pi.-Btl. 14 unter Hauptmann Endres herangezogen werden konnte, wurde Hauptmann Emmerich, der Chef der 14. Pz - Abw.-Kp., mit der Instandsetzung der Brücke und der Beseitigung der Minensperre beauftragt. Während in den Morgenstunden des 18, Mai die 3. Kompanie einen weiteren Brückenkopf über den Kanal vorschiebt und das Schloß Laeken, Sitz des belg. Königs, besetzt, schleppten die Soldaten der 14. Kompanie aus einem nahegelegenen Holz-Lagerplatz Balken und Bretter heran und nach wenigen Stunden ist die Brücke so instandbesetzt, daß sie für Pkw und Kräder befahrbarist. Die deutsche Wochenschau bringt Aufnahmen von dieser Tätigkeit.

Für den 18, Mai 1940 befiehlt das Gen, Kda. XI, A. K. das Infanterie-Regiment 11 zur Einzugsparade in Brüssel. Die Kompanien lassen ihre Trosse in der Unterkünften vor Brüssel zurück und werden für der, dreistündigen Marsch - ohne 1. Bataillon und ohne 14. Kompanie - zusammengestellt. Die 5. Kompanie marschiert als Ehrenkompanie vor dem Stadtschloß auf zur feierlichen Hissung der deutschen Kriegsflagge au dem Schloß. Nach langer Zeit sieht man wieder einer zackigen Griff und die Stimmung der Truppe ist besonders gut. Der Vorbeimarsch des Regiments erfolgt vo dem Kommandierenden General, General von Kortzfleisch. Das Regiment verbleibt an diesem Tag in Brüssel, während I. Bataillon und 14. Kompanie mir einem Sonderauftrag abgestellt bleiben.

 

Noch behelfsmäßiger Instandsetzung der Brücke zieh. Hauptmann Emmerich seine Kompanie in den westlichen Stadtteil vor. Ein von ihm angesetzter Spähtrupp unter Führung des Leutnants von der Decken meldet starke abziehende feindliche Panzerkräfte. In einer Haustür an der Staatsstraße nach Ninove stehend, zählt der Spáhtruppführer 30 englische Panzer, die an ihm vorüberrollten. Diese und weitere Meldungen werden von Major Weiß an die Div. Weiter geleitet. Der V. A. werden in den frühen Morgenstunden des 18. Mai noch eine 2-cm-Flak-Kp. vom Regiment „Hermann Göring", unter Führung von Oberleutnant Bergmann, und die 2. Pz.-Jg.-Kp. 14 unterstellt. Der Kommandeur der V. A, entschließt sich, diese beiden vollmotorisierten Pz.-Abwehr-Kp. unter Führung von Hauptmann Emmerich zu stellen, um nach Grand Bigard vorzustoßen, um den Panzerschutz zu über-nehmen. Die übrigen Teile der V. A, werden aus ihren Stellungen herausgezogen, überschreiten auf der in-standgesetzten Brücke den Kanal und sammeln jenseits des Kanals,

Gegen 10 Uhr trifft Hauptmann Emmerich auf englische Panzer, die gejagt und in Richtung auf ZerIick vertrieben werden. Eine halbe Stunde später stößt er mit seiner Kompanie auf feindliche mot. Kräfte und fünf engl. Panzerkampfwagen bei Grand Bigard. Die zwei anderen Pz: Abw.-Kpn. lagen am Westausgang von Brüssel in Stellung. Trotz seiner Unterlegenheit greift Hauptmann Emmerich diese Feindkräfte sofort an und vernichtet 4 Panzerkampfwagen.

Ein engl. Offizier und weitere Engländer, darunter Verwundete, werden gefangen genommen. Bei ihnen werden eine Planpause mit den eingezeichneten Rückzugsstraßen der Engländer, sowie wichtige Befehle und Geheimpapiere gefunden, die an die Div, mit einer diesbezüglichen Meldung weitergereicht werden. Gegen Mittag trifft der Div.-Kdr. an der Brückenstelle ein und erteilt der V. A. den Auftrag, sobald Teile der V. A. jenseits des Kanals zusammengezogen sind, weiter nach Westen vorzustoßen und die Brücke über den Dendre-Kanal nördlich Ninove zu nehmen. Die V. A. 53 unter Führung von Hauptmann Kückens wird dem Kdr, 1. Btl. I. R. 11 unterstellt und auf die Brücke in Ninove angesetzt. Dazu wird die vorher genannte 2-cm-Flak-Kp. unter Oberleutnant Bergmann unterstellt.

Nachdem in den ersten Mittagsstunden die letzten Teile der V. A. die Kanalbrücke überschritten haben, wird der Weitermarsch nach Westen fortgesetzt, Major Weiß begibt sich voraus nach Grand Bigard zur dort eingesetzten 14. Kp. Etwa 10 feindliche Panzer feuern aus Gegend Eleghem, während eine starke engl. Radfahrabteilung aus Bodeghem St. Mortin die bis Woolfsem vorgedrungenen Spähtrupps unter starkes Feuer nimmt. D

er Kdr. 1. Btl, entschließt sich, mit der Pz.-Jg.-Kp. 14 und dem 1. G.-Zug das flankierende Feuer aus Richtung Eleghem auszuschalten und nach einem kurzen Feuerüberfall durch die unterstellte Art. mit der Masse der V. A, den Weitermarsch anzutreten. Die V. A. 53 erhielt den Auftrag, auf der Hauptstraße bis an das große Straßenkreuz südlich Wambeek vorzudringen und dem Gegner von dort aus in den Rücken und Flanke zu fallen. Kurze Zeit darauf meldet die V. A. 53: Westrand Difibeek erreicht, vorausgeschickte Aufklärung mit 5 Panzern zusammengestoßen, nach Aussage von Landeseinwohnern sammeln ca. 15000 Engländer in Höhe Meerbeke auf der Straße Brüssel-Ninove. Trotz dieser Alarmmeldung greift das I. I. R. 11 weiter an. Die in Gegend Eleghem gemeldeten Panzer werden von der 14. Kp. vertrieben, erneut bleiben drei zerschossen liegen. Die auf den Dendre - Kanal vordringende V. A. wird von einer Parallelstraße, die von den Engländern als Rückzugsstraße „D" bezeichnet wurde, ständig unter starkes engt. Feuer genommen, das offensichtlich von einem feindlichen Aufklärungsflieger gelenkt wird. Besonders nachteilig stellt sich das Fehlen eigener Artillerie heraus.

Die V. A. ist nicht in der Lage, sich gegen die überlegenen feindlichen Batterien zur Wehr zu setzen, weil die 11.45 unter Major Falbe, die zuerst noch aus Stellungen ostwärts des Kanals das Vorgehen der V. A, überwachte, nicht über die Kanalbrücke bei B r ü s s e l gezogen werden konnte, da diese für die schweren Geschütze noch nicht ausreichend verstärkt war, Nach Erreichung des Raumes um Pamel gerät die V. A. in immer stärkeres MG- und Art.-Feuer aus Richtung Okegem her. Auf die Kanalbrücke vorgetriebene Spähtrupps bleiben im Feuer liegen. Auch die zur Unterstützung ein-gesetzte s. Gr. W.-Gruppe Papst und der s. MG-Zug Leutnant Nicklas werden nach erfolgreicher Bekämpfung der fdl. MG-Nester unter schweres fdl. Art.-Feuer genommen In diesem Kampf verliert die 14. Kp. Mit dem Gefr. Hund den ersten Toten. In der Nacht auf den 19. Mai trifft bei Major Weiß folgender Funkspruch der Division ein: „Div. heute aufschließt mit I. R. 101 (rechts) beiderseits Bodeghem. Masse mit I. R. 11 nordwestlich Grand Bigard. Aufklärung Richtung Nordwest."

 

In der gleichen Nacht wurde 14. Kp. beauftragt, mit dem Rgt. und der Div. Verbindung aufzunehmen. Jeglicher Verwundeten- und Gefangenen-Rücktransport scheiterten an den von der Div. aufgestellten Feldwachen. Hauptfeldwebel Müller der 14. Kp. wurde bei einem solchen Versuch von einem Gefechtsvorposten I. R. 101 angeschossen und am Kopf schwer verwundet. Erst durch dieses Ereignis gelang es, eine Verbindung zum Regiment herzustellen und den für die V. A. dringenden Bedarf an Betriebsstoff heranzuholen. Auch Major Weiß versucht über I. R. 53 mit dem la der Div., Oberstleutnant Kühne, Verbindung aufzunehmen, um vornehmlich Floßsackgerät und Art.-Unterstützung zu erbitten. Schwere fdl. Batterien schießen sich immer mehr auf die V. A. ein, so daß auch der Gefechtsstand des Btl. verlegt werden mußte. Von der Div. erhält er der Befehl, nicht anzugreifen, sich gruppenweise vom Feind zu lösen und im Raum Catthem- Ledeberg zur Ruhe überzugehen, da I. R. 53 und I. R. 101 planmäßig zum Angriff, mit entsprechenden Unterstüt-zungswaffen verstärkt, von der Div, angesetzt würden. Die Vorausabteilung unter Major Weiß verlor bei diesem Kampf um Brüssel, 5 Tote und 19 Verwundete. Unter den Verwundeten befanden sich die Leutnante Kaddatz und Vagt. Für die vorbildliche Tapferkeit während der Gefechte, die die verstärkte V. A. zu leisten hatte, wurden viele Auszeichnungen verliehen und Beförderungen ausgesprochen. Das erste EK 1 des Regiments ging an die 14. Kompanie und hier an den Chef dieser Kompanie, Hauptmann Emmerich. Die Spange zum EK 1 erhielt Major Weiß, Gefr. Fietkau, 2. Kp. ebenfalls das EK 1. Das EK 11 erhielten: 1. Kp.: Lt. Vagt, Lt. Kubitz, die Uffz. Kluge, Pruegel, Sonntag, Obgefr. Dietrich, die Gehr. Garms, Gajewiak, Schmidt, 3. Kp.: Oblt. Schröder, Uffz. Schantz, 4. Kp.: Gefr. Meissner, Riesch.

Am Nachmittag des 19. Mai werden das 1. Bataillon und die 14. Kompanie dem Regiment und die anderen Teile der 14. Division wieder unterstellt. Leutnant Gerngroß wird zum Adjutant II. Btl. ernannt. Während das I, Btl. zur Ruhe übergegangen ist, befiehlt das Regiment den Weitermarsch auf der Hauptstraße nach Ninove . Auch für den 20. Mai bleibt I. R. 11 Div.-Reserve hinter den vorn eingesetzten Regimentern I. R. 53 und 101. Der Gegner ist weit nach Westen ausgewichen. Infolge von Marschstockungen geht es nicht zügig voran. Alles muß die Kriegsbrücke bei Ninove passieren. Auch für den 21. Mai befiehlt das Regiment den Weitermarsch in Richtung Renaix. Als Manahme zur Verkürzung der Marschschlangen und hierdurch ein schnellerer übergang über Brücken usw. befiehlt das Regiment, daß die Bataillone und Kompanien einen Teil ihrer Kraftfahrzeuge, Bespannfahrzeuge und Fahrräder abzugeben hatten. Seit Brüssel marschierten die Kompanien nicht mehr, die letzten „Fußgänger" hatten sich auch Fahrräder besorgt. Alles Knurren und Schimpfen half nichts. Jede Kp. darf nur für einen Zug die Fahrräder behalten. Auch was an zusätzlichen Kfz. behalten werden darf, wird genau befohlen.

Am 22. Mai treffen die ersten Kriegsauszeichnungen des Frankreichfeldzuges ein. Hauptmann Sperling, Rgt.-Adjutant, ist einer der ersten, der das EK 1 erhalt, Die Bataillons-Kommandeure nehmen die Verleihungen der ersten Kriegsauszeichnungen in besonders feierlicher Form. Dies wirkt sich auf die Stimmung der Truppe besonders günstig und anspornend aus, obwohl die viel zu geringe Anzahl der Kriegsauszeichnungen es nicht zuließ, jeden einzelnen auszuzeichnen, der eine Auszeichnung verdient hätte. U. a, erhielten die Leutnante Overhoff, Engelhardt, Jäckel, Fw. Beyreuther, Uftz. Hennig, Otte und viele a. m. das EK II.

 

Für den 23. Mai befiehlt das Regiment den übergang über die Schelde , da das I. R. 53 den übergang noch nicht erzwingen konnte. Für diesen Angriff werden II, und III. Btl. bereitgestellt. Schwere Art. Geht hinter dem Rgt. in Stellung. Als mit Angriffsbeginn die ersten Granaten fielen, glaubte das III. Btl., Flieger-bomben fielen auf den Raum des Btl. Dabei war es eine Mörser-Batterie, die auf Lille feuerte. Alle 10 Minuten erfolgte ein Schuß! Um 3.30 Uhr morgens tritt das Regiment in der befohlenen Gliederung zum Angriff an. An der Spitze des III Btl. Befindet sich der Kommandeur, Oberstleutnant Oertel. Nordwestlich von d'Enclus überschreitet das Btl, im dichten Nebel - 9. Kp. In Reserve in 0rroir - die Schelde. Schwere und anstrengende Märsche lagen diesem Angriff zuvor; besonders die MG-Kp. hat durch die viele Munition einen großen Schweißverlust. Südostwärts der Eisenbahnbrücke wird eine Ubersetzstelle erkundet, Dichter Bodennebel erleichtert die Aufgabe und der Kdr. entschließt sich, ohne Art.-Unterstützung im Schutze des Nebels überzusetzen. Der Tommy hat die Uferstellung bereits geräumt und nur in Avelghem eine schwache Sicherung zurückgelassen. Wie die vorgetriebenen Aufklärungen feststellen, hat sich der Engländer anscheinend gleich bis an die Lys zurückgezogen. Die vielen kleinen Ortschaften, die im weiteren Vorgehen durchschritten werden, sind feindfrei und auch von der Bevölkerung verlassen. An der Erschöpfungsgrenze stehend, gehen die Einheiten zur Ruhe über. Nur der Btl.-Kdr., Oberstleutnant Oertel, läßt sich die Anstrengungen des Tages nicht anmerken. Seine Zigarre schmeckt ihm und seine Ruhe überträgt sich bei der Befehlsausgabe für den nächsten Tag auf alle anwesenden Kp.-Chefs.

Zur Verfügung des Rgt. wird das I./i.R. 11 nach Orroir mit der Spitze in Ruyen vorgezogen und dort dem Kdr. des Pi.-Btl. 14, Major Hoeland (Nachfolger von OTL Thieme-Garmann, die Red.), unterstellt. Das Btl. wird zur Beseitigung von Sprengtrichtern und zur Wiederinstandsetzung von Wegen an der Brücken-stelle eingesetzt. Nach Beendigung der Bauarbeiten trat das 1. Btl. wieder unter die Führung des Rgt. zurück.

 

Die Personalbesetzung in diesem Zeitabschnitt beim Pi. Btl. 14 folgende:

Kommandeur             Major Hoeland

Adjutant                     Oberleutnant Kowitz

Btl. Arzt                      Stabsarzt Dr. Klein

Zahlmeister                Oberzahlmeister Berndt

1. Kompanie               Hauptmann Endres

2. Kompanie               Hauptmann d. R. Kruse

3. Kompanie               Hauptmann d. R. Serno

Brückenkot (mot) B    Leutnant d. R. Masch

Le. Pi. Kol.                  Oberleutnant d. R. Töpfer

Stabspers.                   Leutnant d. R. Bermann

 

Die Gefechtslage für den 24. Mai war:

Der Feind, Belgier und Engländer, haben eine Nachhutstellung an der Lys errichtet. Mit starkem Widerstand mußte gerechnet werden.

Die 14. Divison stellte sich für den 24. Mai mit dem I. R. 11 und I. R. 53 zum Angriff bereit. Zum Angriff des Rgt. über die Lys südostwärts Harlebeeke setzte das Rgt. das II. und III. Btl. ein. Beim III. Btl. wurde die 10. Kompanie, Oberleutnant Bärwald, verstärkt durch den s. MG-Zug, Fw. Körner, 12. Kp. und einen Pak-Zug 14. Kp., Leutnant Gliemann, zur Sturmkompanie befohlen. I. Btl. liegt hinter dem II. Btl. und soll nach dem Übergang über die L y s zum Angriff vorgezogen werden. Der Angriff ist auf den Nachmittag befohlen. Starkes feindl. Art.- und GranatFeuer liegt auf dem Abschnitt des Rgt. Für die eigene Art. ist Vernichtungsfeuer auf die Stellungen nördl. der L y s für die Zeit von 15.30 bis 15.45 Uhr befohlen. Unter starken eigenen Verlusten überschreiten II. und III. Btl. die L y s und erreichen ihre Angriffsziele. Harlebeeke war ein Sieg der 10. Kompanie! Mit fünf toten (Gefr. Walz, Auerswald, Schneider, Neumeister und Kurz) und zwölf verwundeten Kameraden (darunter Leutnant Gröschel) ist er blutig erkämpft worden. Aber auch das 11. Btl. unter Major d. R. Leschke hatte große Opfer bringen müssen. Der Chef der 5. Kompanie, Oberleutnant Schröter, und Fahnenjunker Pinckert sind gefallen.

Das Regiment befiehlt für den 25. Mai die Fortsetzung des Angriffs. Das durch einen I. G.- und Pak-Zug verst.I. Btl, wird ostwärts der großen Straße Courtrai-Stokerij an den Sicherungen des I I. Btl. vorbeigezogen. Bei diesem Angriff zeichnete sich der Chef der 2. Kompanie, Oberleutnant Altstädt, besonders aus. Auch der Oberfeldwebel Schumann der gleichen Kompanie zeigte besondere Tapferkeit. Bei dem sich, noch im Nahkampf zäh verteidigenden Gegner fallet der Kp. 250-300 Gefangene, darunter zahlreiche Offiziere, und eine große Anzahl schwerer Waffen in die Hand. Auch von anderen Einheiten wird der gesamte Stab des belg. Rgt. gefangen genommen. Der Angriff dieses Btl. wird durch eine Batterie der I,/A. R. 14 unter Oberleutnant von Schmitterlöw unterstützt. Unter den eingebrachten Gefangenen befindet sich ein engt Art.-Major, der als Art.-Beobachter von der Kirchse Salines heruntergeholt wurde. Als von vorgetriebenen Spähtrupps angreifende Panzerwagen gemeldet werden, wird der unterstellte Pak-Zug noch vorn ge-worfen. Die Verbindungen an das rechts vorgehende I. R. 101 und an die links angreifende, etwas zurück-hängende, 30. I. D. werden wieder hergestellt. Beim Vordrängen auf Dodizeelchoek werden zahl reiche Lastkraftwagen und Kräder festgestellt. Da die Paks diese Ziele nicht erreichen können, entschließ sich der Kdr., einen Voraustrupp zu bilden und ihr über Commerestraet auf Kezelberg vorzuwerfen, um die beherrschende Höhe zu nehmen und dabei den anscheinend nach Norden ausweichenden Gegner anzugreifen und abzuschneiden.

Oberleutnant von Huene, Leutnant Overhoff und Leutnant Quandt setzen sich an die Spitze des aus einem Pakzug und vorwiegend Schützen der 3. Kp., sowie der s. MG-Gruppe Thassler zu Rad gebildeten Voraustrupps, beseitigen schnell den Widerstand an der Bahnlinie bei Commerestraet und brechen in den am Kezelberg eingenisteten Gegner - Belgier und Engländer - ein. Von 2 mit Belgiern voll besetzten Lastkraft-wagen, die in rasender Fahrt auf der großen Straße von Süden kommen, erhält der eine auf nächste Entfernung einen Paktreffer. Den anderen zwingt Oblt. Huene mit der Pistole vorspringend zum Halten und zur Übergabe. Als Leutnant Overhoff und Fw. Beyreuther mit wenigen Männern zwei fdl. Inf.-Geschütze und ihre Bedienung gefangen nehmen wollen, werden sie durch fdl. Feuer in Deckung gezwungen. Nur mit Mühe gelingt es, in Gegenstößen das Ziel zu erreichen. Zwei von drei sich nähernden Panzern werden durch zwei Pakgeschütze in Brand geschossen. Nachdem es unserem Regiment durch das 1. Btl. gelungen ist, die Höhen um KezeIberg zu gewinnen, werden diese Teile vom linken Nachbar, dem I. R. 51, angegriffen. Auch die diesem Rgt. unterstellte Art. schießt auf unsere vordersten Stellungen und es war schwer, hier Klar-heit zu schaffen,

Am 26. Mai hat das Regiment die Nordflanke der 30. Div. gegen aus Norden angreifende Gegner zu sichern, während die 30. Div, in den Morgenstunden des 26. Mai weiter nach Westen angreifen soll. Hierzu soll noch in der Nacht das II./11 rechts neben dem I./11 aufschließen. Der Widerstand des Feindes hat nachgelassen, jedoch werden aus zahlreichen Stellungen jede Bewegungen um K e z e l b e r g unter Feuer genommen. Der s, MG-Zug, Leutnant Nicklas, und zwei Pakgeschütze werden so in Stellung gebracht, um be-sonders lästige Widerstandsnester niederzukämpfen. Das Regiment befiehlt das weitere Vorgehen auf Passchendale. Aufklärung ergab folgendes Bild: Am ganzen Südostrand von Passchendale und weiter verlängert an der Straße noch Nieuwe - molen dehnt sich eine stark befestigte Feldstellung aus, an der viele hundert Belgier, anscheinend völlig ahnungslos, schanzen. Zwischen ihnen sind zahlreiche Panzer zu erkennen. Auch an der Eisenbahnlinie südlich Passchendale ist Bewegung. Hier haben die Belgier mehrere Güterzüge zusammengeschoben und dadurch eine Sperre errichtet. Wie sich später herausstellte, haben sie sich mit ihren Granatwerfern auf diese Bahnlinie eingeschossen, um so dort jede Bewegung verhindern zu können.

Die eigene Art. eröffnet das Feuer. Die ersten Lagen liegen außerordentlich gut und haben eine geradezu verheerende Wirkung. Der Gegner ist völlig überrascht, Zahlreiche Leute fliehen über den Höhenrücken zurück. Auch mehrere Panzer bringen sich in Sicherheit. Während das III./11 noch im Kampfe bei Ledeghem steht, hat sich das I./11 weit vorgeschoben und ist auf sich allein angewiesen. Nach Gefangenenaussagen liegen dem Rgt. das 43. und 31, belg. Rgt. und links eine Kavallerie-Div, gegenüber.

Nach kurzer Art.-Vorbereitung wird Dadizeel angegriffen und ohne nennenswerten Widerstand genommen. Der Rgt.-Gefechtsstand wird im dortigen Schloß errichtet. Der 27, Mai bringt den Angriff auf Passchendale. I, und II. Btl. sollen den Angriff ausführen, III. Btl. bleibt zur Reserve des Rgt. Jedes angreifende Btl. wird durch einen I. G: und Pak-Zug verstärkt. Obwohl das Rgt, keine Verbindung nach rechts und links hat, befiehlt das Korps die Fortsetzung des Angriffs auf Passchendale. Dieser Befehl wird aber mehrfach geändert. Das III./11 wird nach Waterdamhoek und Moorslede vorgezogen. Von hier aus hat man einen ausgezeichneten Einblick in das Gelände von Passchendale.

Das Gelände gleicht einer kahlen Platte, weite, leere Flächen, nur hier und da ver-einzelt ein Baum, Straßen mit hohen Pappelreihen, rechts und links Kirchtürme.

In den Morgenstunden hat das I. I.R. 11. unter Major d. R. Leschke rechts an das I./11 aufgeschlossen und man kann genau den Angriff des II./11 auf die Bahnlinie und die Höhen von Passchendale beobachten. Erfolgreich trägt dieses Bataillon den Angriff vorwärts. Im Laufe des Angriffs müssen die den angreifenden Bataillonen unterstellten Art.-Abteilungen mehrfach gewechselt werden. Menschen- und Munitionsverlust sind besonders beim II. Btl, recht groß. Der Rgt.-Kommandeur, Oberst Oeller, befiehlt. daher dem Il. Btl., Munition vorzubringen, Dies ist nur durch Tragen der Munition möglich, wobei die Träger oftmals in schweres fdl. Feuer geraten. Trotz schweren Abwehrfeuers treten am Nachmittag erneut beide Bataillone zum Angriff an. Es beginnt ein Kampf, wie er in Friedenszeiten gelernt wurde. Nest um Nest des Gegners muß niedergehalten und dann in die aus-gebaute Stellung eingebrochen werden. Die Zähigkeit des Feindwiderstandes zwingt zu Einzel- und Nahkämpfen. Als eine Lücke zwischen dem I. und II. Btl. entsteht, sind beide Btl. gezwungen, ihre Reserven einzusetzen. Drei feindliche Jagdflieger greifen im Tiefangriff in den Erdkampf ein. Feindliche Art. und Panzer remmen das weitere Vordringen der Kompanien und es sieht so aus, daß die Bataillone aus den gewonnenen Stellungen zurückgeworfen werden. Das Rgt. wird um sofortiges Vorschieben starker Pak-Sicherungen gebeten. Besonders versuchen fdl. Panzer in der linken Flanke einen Gegenanrgriff. Die Flanken der vorn eingesetzten Btl. sind nach wie vor offen, weil die Regt. 53 und 101 bisher nicht aufschließen konnten. Oberst Oeller befiehlt Chef 14. Kompanie, mit weiteren zwei Zügen das II./11 gegen Panzerangriff zu schützen und sicherte zu, daß die Division bereits die Zusammenziehung aller Pz.-Abw.-Kpn. befohlen habe. Die beiden 14./53 und 101 sollten der 14./11 nachge-führt und unterstellt werden, was aber nicht mehr zur Ausführung kam. Gleichzeitig forderte das Rgt. stärkere Art.-Unterstützung durch das Korps an.

Erst als der Rgt.-Adjutant, Hauptmann Sperling, die bedrohliche Lage der eingesetzten Btl. und immer noch das Fehlen der Anschlüsse rechts und links schilderte -Rückfragen ergaben dann ein tatsächliches Abhängen von 10 bis km -, setzte das Korps eine schwere (mot) Abteilung ein. Da die Belgier von ihren beherrschen-den Höhen das Gelände vollständig einsehen konnten, war die Heranführung der beiden Pakzüge nur im Mannschaftszug und im Abschnitt des 1. Btl, möglich, Mit ein paar beherzten Männern gelang es Fw. Kosche von der 14 Kp., einige Güterwagen ein wenig auseinanderzuschieben, so daß gerade die Pakt durchgeschleust werden konnten. In den Abendstunden erreichten die Züge die vorn eingesetzten Btl., es kam zu keinem Panzerbeschuß mehr. In den Nachtstunden haben beide Bataillone ihre Angriffsziele, in vorderer Linie die Straße Ostneuwkerke- St. JuIien erreicht und sich dort zur Verteidigung eingerichtet. Die 10./11. wird zur Verstärkung des II. Btl. noch vorgetrieben.

Für den 28. Mai wird die Weiterführung des Angriffs nach Norden auf Houthouister Wald befohlen. In der Nacht trifft die Meldung der bedingungslosen Kapitulation der belgischen Armee ein. Ab 5 Uhr wird Waffenruhe befohlen. I./11 erhält den Befehl, einen Parlamentär-Offizier mit Hornisten und weißer Flagge zu entsenden und die Truppen zur Niederlegung der Waffen aufzufordern. AI§ Platz für die Niederlegung der Waffen wird der Marktplatz in Passchendale, als Parlamentär-Offz., Oberleutnant Schröder, bestimmt. Im Falle, daß die Waffen bis 7 Uhr nicht niedergelegt werden - es ist unklar, ob die vom König der Belgier erfolgte Kapitulation von der belgischen Truppe befolgt wird - sollen die Feindseligkeiten wieder aufgenommen werden.

Nach Durchfahren der belgischen Postenkette, ohne von den völlig verblüfften Soldaten angehalten zu werden, trifft Oblt. Schröder auf einige belgische Offiziere, die ihm nach kurzer Erklärung und Abnahme der Waffen und Verbinden der Augen zu ihrem Rgt.-Kdr. bringen. Dem Rgt.-Kdr, ist von der Übergabe nichts bekannt. Er läßt den Parlamentär weiter zum Div.-General De Henin geleiten. Als Oblt. Schröder diesem als Parlamentär vorgestellt wird, ist dieser sichtlich verärgert, daß kein deutscher General, sondern nur ein „Oberleutnant" erschienen ist. Nach anfänglicher Abrede gibt der General zu, um 4 Uhr den Befehl zur Übergabe erhalten zu haben. Darauf ergibt sich der General mit 4 ihm unterstellten Regimentern: Inf. Rgt. 31, Inf. Rgt. 43, 1 Art. Rgt. und 1 Kav. (Panzer) Rgt. Der Platz zur Ablage der Waffen wird ihm mitgeteilt, auf sein Bitten ihm zugesichert, daß die Offiziere ihr persönliches Gepäck, ihre Pistolen behalten und im Wagen fahren dürfen, Bei der Rückfahrt verbittet sich der deutsche Offizier ein Verbinden der Augen. Bei dem belg. Rgt.-Kdr. zurückgekehrt, bricht dieser erschüttert in Tränen aus, als er den Befehl zur bedingungslosen Übergabe erhält. Ein Einhalten der Frist von 7 Uhr ist jedoch nicht möglich, da große Teile der belg. Div. so weit abliegen, daß sie unmöglich zeit-gerecht ihre Waffen auf dem Marktplatz in Passchendale abliefern können, obgleich die Waffen schon von den belg. Kp. gesammelt und auf Lastkraftwagen verfrachtet angefahren werden. Aus diesem Grunde wird ein begründetes überschreiten der ge-stellten Frist gestattet, Eine unübersehbare Menge Kriegsmaterial sammelt sich auf dem Markt an.

Mittags trifft Vormarschbefehl auf Langemarck, also wieder Marschrichtung Westen, ein.

 

Bericht

Als Parlamentär bei der belgischen Truppe

von Oberleutnant Schröder

„Der Kampf um Passchendale am 27. 5. 1940 war wieder einmal mit Erfolg und verhältnismäßig wenig Verlusten glücklich vorbei. Am Nordwestrand von P. ging das Btl. in den späten Abendstunden zur kurzen wohlverdienten Ruhe über. Nachdem ich mit meiner Kompanie noch die Sicherung der offenen westlichen Flanke übernommen hatte, konnte auch Ich gegen 12 Uhr nachts auf dem inzwischen vom Kp.-Trupp zu-recht gemachten Lager zur Ruhe gehen.

Am 28. 5. 1940 früh etwa gegen 3 Uhr wurde ich durch einen Melder des Btl. geweckt, der die Mitteilung brachte, daß der belg. König kapituliert habe. Mit wenig freundlichen Worten wird der Melder weggejagt und auf die andere Seite gedreht, um weiter-zuschlafen. Aber nicht lange. Bald kommt der Melder wieder mit dem Befehl, sofort zum Btl.-Gef.-Stand zu kommen. Also wieder einmal mitten in der Nacht her-aus. Durch den Kommandeur erfahre ich, daß ich zu den gegenüberliegenden belg. Truppen als Parlamen-tär fahren und diese noch Weisung im Rgt.-Befehl zur Übergabe bis 7 Uhr früh auffordern soll, Ein Kraftwagen der 14. Kp. wird bereits mit zwei weißen Flaggen geschmückt. Uffz. Sonntag vom Btl.-Stab als Dolmetscher und ein Hornist werden mir noch zugeteilt Um 5 Uhr früh ist alles fertig und ich fahre von guten Wünschen begleitet ab ins Ungewisse. Wo eigentlich die vordersten belg. Stellungen sich befinden, war uns unbekannt. Während der Fahrt wird sorgfältig nach rechts und links ausgeschaut, um nicht die belg. Linier zu überfahren. Trotzdem sind wir doch nach einer kurzen Fahrt über die ersten belg. Posten weggefahren die wahrscheinlich ebenso erstaunt waren wie wir. Als wir uns einem Haus an der Straße nähern, sehen wir plötzlich, wie mehrere Gestalten in Feldstellung springen und noch ihren Waffen greifen. Ich lasse den Wogen sofort anhalten und rufe diesen zu, den verantwortlichen Offizier zu holen. Nach kurzer Zeit kommt der diese Posten befehlende Offizier. Da dieser sehr gut deutsch sprach, ging die Verständigung sehr rasch vor sich. Ich verständige ihn davon, daß der belg. König kapituliert und ich ihn aufzufordern habe, die Waffen bis spätestens 7 Uhr niederzulegen, sonst würde von unserer Seite aus weitergekämpft. Er war über meine Eröffnung sehr erstaunt und sagte mir, daß ihm bisher noch nichts bekannt sei und er ohne Befehl seiner vorgesetzten Dienststelle nichts unternehmen kann. Ich bat ihn, sofort mit dieser sich zu verständigen. Er bat mich mitzukommen. Ich legte meine Waffen ab und folgte ihm in Begleitung von Uffz. Sonntag. Nach einer kurzen Unterhaltung am Telefon verständigte er mich, daß sein Btl. keine Nachrichten oder Befehle habe, aber sofort beim Rgt. angefragt werde, Nach etwa 20 Minuten kam ein Anruf mit dem Ergebnis, daß ein Wagen des Rgt- mich abholen würde. Es war inzwischen 6 Uhr geworden.

Endlich kam der Wagen. Mir und Uffz. Sonntag wurden die Augen verbunden und dann erst aus dem Haus in den Kraftwagen geführt. Unser eigener Wagen blieb vorläufig unter Bewachung stehen. Rechts und links saß je ein belg. Soldat mit Gewehr. Als die Fahrt losging, mußte ich feststellen, daß außer der Bewachung im Wagen noch mindestens 3-4 Motorräder vor und hinter dem Wagen fuhren. Die Fahrt ging kreuz und quer durch die Gegend. Aber auch diese Fahrt mußte ja ein Ende nehmen. Es ist ein recht scheußliches Gefühl mit verbundenen Augen in einem Wagen zu sitzen und nicht zu wissen, wo es hingeht und was die nächste Zeit bringen bringen wird.

Beim Regiment angekommen, wurde uns die weiße Binde erst im Haus abgenommen. Nach kurzer Anmeldung wurden wir in einen großen Raum geführt, in dem außer dem belg, Oberst noch 4-6 Offiziere anwesend waren. Ich entledigte mich meines Auftrags in kurzer knapper Form, Der Eindruck meines Auftrags war sehr verschieden. Ein Teil schien aufzuatmen, daß der Krieg zu Ende sei, der andere Teil war überrascht und wollte es gar nicht glauben. Der belg. Oberst teilte mir schließlich mit, daß ihm von einer Kapitulation nichts bekannt sei und auch seine höhere Dienststelle keine entsprechende Befehle habe. Ich machte ihn darauf aufmerksam, daß mein Auftrag dahingehend lautete, daß die Kapitulation bis 7 Uhr erklärt sein müsse und es jetzt bereits 6.30 Uhr nach deutscher Zeit sei. Der belg. Rgt: Kdr, erklärte mir, daß es das Beste sei, ich fahre direkt zum General. Ich erklärte mich bereit und bat gleichzeitig mich inzwischen dort anzumelden.

Wieder wurden die Augen verbunden und im Kraftwagen unter reichlicher Bedeckung ging es wieder kreuz und quer durch die Gegend, bis wir endlich beim General landeten, Wir wurden dort zunächst von einem Oberst, anscheinend dem Generalstabsoffizier, empfangen und zum General geführt. Dort eisige Begrüßung. Auch hier entledigte ich mich meines Auftrags in kurzer knapper Form. Der Herr General beachtete uns kaum und unterhielt sich mit dem Oberst. Da ich die Unterhaltung nicht genügend verfolgen konnte, fragte ich den mich begleitenden Dolmetscher, Uffz. Sonntag, was eigentlich gesprochen werde. Er sagte mir, daß der General sich beschwerte, daß „nur ein Oberleutnant" zur Verhandlung gekommen wäre. Da dies mir ganz erheblich in die Nase stieg, ließ ich durch Uffz. Sonntag die Unterhaltung abbrechen und sagen, daß ich gar nicht die Absicht gehabt hatte, bis zum General zu kommen. Aber da die ihm unter-stellten Truppen keinen entsprechenden Befehl erhal-ten hatten, wäre mir nichts anderes übrig geblieben. Nun ging es auf einmal. Der Oberst legte sich ins Mit-tel. Da die Zeit bis 7 Uhr nicht mehr einzuhalten bzw. schon längst überschritten war, vereinbarte ich, daß die Übergabe auf dem Marktplatz zu Passchendale bis spätestens 11 Uhr erfolgt sein müßte. Auf die Bitte, daß die Offiziere das eigene Gepäck und die Wagen behalten dürften, erklärte ich, daß ich dies bis nach Passchendale, verantworten wollte. Dort müßte dann die Entscheidung meiner Division abgewartet werden. Nun ging alles mit entsprechendem Tempo. Ein Kapitän aus dem Stab wurde beauftragt, mit mir sofort mitzufahren und die unterstellten Truppen sofort mündlich zu verständigen.

Also wieder in den Kraftwagen. Das Verbinden der Augen verbat ich mir jetzt und ich konnte offen durch die belg. Linien fahren. Ich muß sagen, was ich da an Truppen und aufgestapelter Munition sah, gab mir die Uberzeugung, daß durch die Kapitulation doch viel Blut gespart worden ist.

Der Kapitän fragte mich, ob ich zu allen Truppen mit-fahren wollte. Ich bat davon abzusehen und mich nur zu dem Regiment zurückzufahren bei dem ich zuerst war.

Als wir dort ankamen, wurden wir mit großer Span-nung erwartet. Es war wenig angenehm, mitzuerleben, wie der belg. Oberst, nachdem er den mündlichen Befehl zur Ubergabe erhalten hatte, es gar nicht fassen konnte. Tränen standen ihm in den Augen und er mußte sich abwenden. Ich glaube, an seiner Stelle wäre es mir ebenso ergangen. Es muß doch wenig angenehm für einen Soldaten sein, ohne Kampf die Waffen zu strecken.

Nachdem auch hier mein Auftrag erfüllt war und ich die Versicherung des belg. Oberst hatte, daß sofort seine ihm unterstellten Einheiten telefonisch verstän-digt werden, verabschiedete ich mich recht schnell und ließ mich nach der Ausgangsstelle zurückfahren. Unterwegs konnte man schon feststellen, daß der Befehl durchgedrungen war; denn überall begannen be-reits auf den Straßen die Truppen sich zu sammeln und die Waffen wurden zum Verladen gestapelt.

ich hatte jetzt, nachdem mein Auftrag erfüllt war, nur das Bestreben, so schnell als möglich zum Btl, zurück-zukommen, da einmal die Zeit fast über zwei Stunden überschritten war und den Erfolg dem Kommandeur melden. Etwa gegen 9 Uhr trafen wir beim Btl.-Stab wieder ein und konnten mit frohem Herzen die Erledigung des Auftrags melden."

 

 

10. Fortsetzung der Geschichte des 11. (Sächsischen) Infanterie-Regiments

Frankreichfeldzug

 

Wahrend der ganzen Nacht schießt unsere Artillerie schweres Feuer auf die feindliche Linie. Das Regiment ist im Angriff über den Ypern-Kanal südwestlich St. Julien . Der 29. Mai ist ein echter „Flanderntag", neblig, Nässe liegt in der Luft. Auf den durch Weidenreihen und Droht abgegrenzten Weiden brüllt das nicht versorgte Vieh, Milzbrand und Feuerwirkung der Artillerie und Flieger hat viel Vieh verenden lassen, so daß ziemlicher Gestank in der Luft liegt. Mit teils sumpfigen Wiesen ist es ein flaches, völlig offenes und einzusehendes Gelände, Die Bereitstellung und das Heranschaffen von Floßsäcken erfolgt wahrend der Dunkelheit.

In den Morgenstunden greifen mehrere englische Flieger im Tieffliegerangriff die vorn eingesetzten Batailone im Bereitstellungsraum an. Die SMG-Züge werden zur Abwehr eingesetzt. Der Angriff der tief gegliederten Division mit den vorn eingesetzten I./I. R. 53 und IIl./i. R. 11 wird von 16 Batterien Artillerie, und außerdem der Korps-Artillerie, unterstützt. Alle Beobachter sind bei den vorn eingesetzten Kompanien! Kurz vor Angriffsbeginn kommen erst die Schlauchboote, die unter der Führung des Pionier-Hauptmann Endrußzeit eingesetzt werden. Zwei Minuten vor Angriffsbeginn zeigt der „große Bruder" seinen mächtigen Arm. Das haben die Soldaten noch nicht erlebt! Leider besteht zu den Abteilungen der Korps-Artillerie keine Verbindung. Der verabredete Feuerschlag hat nicht die Wirkung und Kurzschüsse gehen auf unser III. Btl. nieder. Alles sucht Deckung! Eine SMG-Bedienung wird durch einen Volltreffer voll-kommen vernichtet, Mehrere Schlauchboote sind unbrauchbar. Erst nachdem das Feuer wandert, können gegen 10.30 Uhr die ersten der 10. Kp. mit Booten den Ypern-Kanal überqueren.

Während das III. Btl. mit allen vorn eingesetzten Kom-panien durch hohe Kornfelder auf Elverdinghe vorgeht, wird es immer wieder durch Art.-Streufeuer gestört. Das 1. Bt. - ohne 3. Kp., die zur Bewachung von Gefangenen und Beute in Passchendaele befohlen wurde - wird zum Arbeitsdienst an der Brückenstelle Boesinghe vorgezogen. Gegen Abend werden die Angriffsziele erreicht. In der Nacht soll das III. Btl. durch Teile des I.R. 53 abgelöst wer-den, Der Befehl kommt aber nicht zur Durchführung. Infolge großer Verluste treten besonders beim IIi. Btl. Änderungen in der Führung ein. Der Kp.-Chef der 11. Kp. wird vom Btl.-Adjutant übernommen. Leutnant Kerber wird Btl.-Adjutant und Leutnant Negendank wird Ordz.-Offz.

Am 30. Mai wird der Vormarsch des Regiments über die Kriegsbrücke bei Boesinghe fortgesetzt. Immer wieder treffen ausgesandte Spähtrupps auf englische Widerstandsnester und erhalten MG- und Gewehr feuer. Teile des III, Btl. sollen eine Verbindung zwischen dem I. R. 53 und I.R. 474 herstellen und eine entstandene Lücke sichern. Die Verbindung mit dem linken Flügel von I.R. 53 wird durch die 10. Kp. hergestellt. Die Gruppe des I.R.53 liegt auf ihrem ein-gewiesenen Platz - aber tot! Sie haben ihre Stellung gehalten, getreu bis in den Tod! In der Nacht wird der Rgt.-Abschnitt immer wieder von Fliegerangriffen bedroht- Auf Unterkunftsbereiche werden Bomben ge-worfen, jedoch ohne größeren Schaden anzurichten.

Als Divisionsreserve setzt das Regiment am 31. Mai den Vormarsch fort. Tagsüber greifen englische Flie-ger erneut die Vormarschstraße an. Bei EIfen – damme geht es über die Yser. Der Ort bietet denselben Anblick wie bei allen Flußübergängen: Zum größten Teil ist alles zerstört. überall an der Vormarschstraße stehen unheimliche Mengen an Kriegsmaterial des Engländers. Soldaten finden widerliche Hetzschriften gegen Deutschland und seine. Führung. Da die deutsche Luftwaffe in andere Räume abgezogen ist, halten die feindlichen Luftangriffe den ganzen Tag an. Bei einem Angriff auf die Straßenkreuzung bei L i n d e werden ganz fürchterlich die Zivilflüchtlinge getroffen, die sich hier infolge unseres Vormarsches in riesigen Scharen zusammengeballt haben. Die Zahl an Toten und Verwundeten unter dieser Zivilbevölkerung, besonders an Frauen, Kindern und älteren Menschen, ist ungeheuer. In den Abendstunden wird vom Rgt.-Kommandeur, Oberst geller, die Lage bekannt gegeben. Das II./l.R. 11 soll Teile des I.R. 53 ablösen. I und II. Btl. rücken in die neuen Bereitstellungsräume, I, Btl. hinter II. Btl. Am 1. 6. 1940 sollen I. R. 53 und I. R. 11 mit je einem Btl. in vorderer Linie die sich am Kanal de la Bosse Colme verteidigenden Engländer und Franzosen angreifen. Andere Divisionen sind im konzentrischen Angriff in weitem Bogen auf Dünkirchen angesetzt.

Am 1. Juni erfolgt der Angriff über den Kanal bei Hondschoote. Hier wird die Belgisch-Französische Grenze überschritten, Felder, Wiesen und ganze Straßenzüge sind überschwemmt. Auf dem Vormarsch von Hondschoote bis nach Dünkirchen sind unzählige Kanäle zu überqueren. Der Feind hat die Schleusen an der Küste geöffnet und damit das ganze Land überschwemmt. Immer wieder greifen englische Bomber den Raum des Regiments an. Durch das über-schwemmte Gelände wirkt sich das einzelne feindliche Art.-Feuer unangenehm aus. Es liegt vornehmlich auf Ortschaften und Dämmen.

Während des Vormittags des 2. Juni brausen ununter-brochen deutsche Bomberverbände über uns hinweg in Richtung Feind, um die Reste des eingeschlossenen britischen Expeditionskorps und die Einschiffungen bei Dünkirchen mit Bomben zu belegen. Das I./I.R. 11 wird vorgezogen, um neben dem II. Btl., eingesetzt zu werden. Bei der Erkundung wird festgestellt, daß das Wasser ständig steigt und der Einsatz des I. Btl. neben dem II. Btl, nicht möglich ist. Bei einer Lageklärung er-hält das I. Btl. vom Rgt, den Auftrag, eine Sicherung nach Osten und Südosten einzusetzen, da die rechte Nachbar-Division infolge der starken Uberschwemmung zum Weiterangriff nicht angetreten und weit zurückgeblieben ist. Hierzu wird Leutnant Funk mit seinem Zug zur Feldwachaufstellung in Gegend südöstlich Krommenhaek bestimmt, Das 1. Btl. zog dann aus seinem Unterkunftsbereich in den befohlenen Bereitstellungsraum und trat hinter dem II. Btl. zum Angriff an. Gegen Mittag stieß das vorn eingesetzte II. Btl, auf störkeren feindlichen Widerstand. Zu seiner Überwindung stellt sich das II. Btl. planmäßig bereit, das I. Btl. bleibt dahinter.

Der la der 14. Inf.-Div., Obersleutnant i. r. Kühne, verabschiedet sich auf dem Rgt.-Gef.-Stand bei Pont du Cerf. Er ist ins OKW zu einem Demobilmachungsstab versetzt worden. Sein Nachfolger ist Hauptmann i. G. Rennecke.

Auf Feldern und Wiesen zu beiden Seiten der Vormarschstraße stehen unübersehbare Kolonnen von Fahrzeugen und Panzern, unbeschreibliche Berge von Gerät und Waffen, die von den zurückflutenden englischen und französischen Truppen liegen gelassen werden mußten, Obwohl schon Zivilflüchtlinge daran plünderten, kamen viele Dinge unseren Soldaten zugute. Sie verzehrten die ausgezeichneten Konserven, die der Tommy in großen Mengen mitführte und nahmen gern Gummimäntel, Gummistiefel usw. Als ganze Kisten mit prima englischen Stiefelsohlen entdeckt wurden, waren nicht genügend Schuhmacher vorhanden, um sämtliche Stiefel zu besohlen!

Für den 3. juni befiehlt das Rgt. mit verst. II. Btl, die Fortsetzung des Angriffs gegen den Feind, der am Kanal des Chats Widerstand leistet. Verst. I. Btl. soll zunächst hinter II. Btl. vorgehen und dann später hinter dem Kanal vorgezagen werden. Die Nachbardivision, die bisher weit abhing, soll bei Angriffsbeginn aufschließen und zum weiteren Angriff mit antreten.

Der Tag selbst beginnt mit einem wahren Hexenkessel von Beschuß jeder Art. Es sind offenbar die letzten verzweifelten Gegenschläge der Tommies. Der Rgt.-Stab hat hier die ersten Gefallenen. Bei Krommenhoek fallen die Soldaten Erich Baage und Walter Müller, und außerdem ein Melder und ein Fahrer der Nachr.-Abtl.

In einem von allen Seiten geführten Panzerangriff der Engländer und Franzosen, wobei schwere und schwerste Kanonenpanter eingreifen, droht unser Angriff liegen zu bleiben. In einem unerhört kühnen Vordringen greift der Kommandeur des II. Btl., Major d. R. Leschke, mit etwa 80 Mann, Funkern der Nachrichtenstaffel und einigen SMG-Gruppen an, und es gelingt mit schnell vorgezogenen Paks vorzustoßen.

Durch einen mündlichen Rgt. Befehl erhält der Zug Bahmann der 4. Kp. den Auftrag, die rechte Flanke des II, Btl. in Gegend Kanal-Knie ostwärts HoIie Kouke zu sichern. In der durch die Überschwemmung außer-ordentlich exponierten Dammstellung erhölt Leutnant Bahmann mit seinem Zug wiederholt schweres feindliches Feuer, ohne die Möglichkeit eines Stellungs-wechsels zu haben. Vom Div.-Kdr. erhält der Kdr. des 1. Btl. Major Weiß, persönlich den Befehl, noch am Abend über den von schwachen Teilen zweier Kpn. des II. Btl, gebildeten Brückenkopf am Kanal des Chats durch das feindfrei gemeldete Üxem auf Leffrinckoucke vorzugehen, sich am NW-Ausgang zur Verteidigung einzurichten und kampfkröftige Spähtrupps bis an den Kanal de Dunkerque vor-zutreiben. Das Vorgehen des Btl. wird durch eine Battr. I./A. R. 14 überwacht, Die Reichweite der Battr. ist jedoch am N-Ausgang von Uxem erschöpft.

Beim Vorführen geriet das Btl, in starkes feindliches Feuer. Auch die vorgeschobenen Teile des II. Btl. werden davon betraffen. Während der 2. Zug der 3. Kp. unter Führung von Feldwebel Beyreuther bereits in Uxem eindringen kann, bleibt die Masse des Btl. unter starkem Feuer liegen. Es gelingt auch hier erst dem Kdr., der inzwischen mit Teilen des Stabes übergesetzt und zur 3. Kp, vorgegangen ist, durch seinen persönlichen Einsatz die liegengebliebenen Teile der Kp. vorzu-reißen und in Uxem einzudringen. Plötzlich auftretende engt. Panzerwagen werden nach einem länge- en Feuerkampf durch PanzerJäger vertrieben, Die 14. Kompanie unter Hauptmann Emmerich, die vom ersten lag des Frankreichfeldzuges ohne Pause das Regiment geschützt hat, ist wegen völliger Überschöpfung der einzelnen Soldaten zwei Tage vor Dünkirchen von Panzer-Jägern der Div, abgelöst und zur Ruhe befohlen worden. Die Kp. hat an diesen letzten Kämpfen nicht teilgenommen.

Zur Unterstützung des Angriffs des Rgt. sollten ab mittags Stuka eingesetzt werden. Diese kommen jedoch zu spät und werfen ihre Bomben an falscher Stelle ab. Der Fliegerverbindungsoffizier fehlte.

In der Nacht zum 4. Juni werden vom l. Btl. starke Gefechtsvorposten bis zum Südeingang von Leffrinckoucke, im Kampf mit weiteren feindl. MG-Nestern, vorgetrieben. In den Morgenstunden werden die Sicherungen eingezpgen und das 1. Btl, tritt zum Angriff an. Nach Brechen geringen fdl. Widerstandes stößt das Btl. zum Kanal durch und trifft dort mit dem vorgetriebenen Spähtrupp unter Führung von Fw. Beyreuther zusammen. Dieser hatte gegen 8 Uhr den Kanal de Dunkerque erreicht, noch kurzem Kampf die unzerstörte Brücke südlich Farts de Dunes in die Hand genommen, den Übergang erzwungen und 18 Gefangene gemocht. Der Spähtrupp war dann jenseits des Kanals noch Westen abgebogen und zahlreiche weitere Gefangene machend bis zum Meer vor-gedrungen. Die 3. Kp, dringt über Malo des Beins weiter nach Westen vor und stellt hierbei unübersehbore Mengen sich nun kampflos ergebende Franzosen zu endlosen Marschkolonnen zusammen. Diese werden mit geringer, teilweise ohne Bewochung, nach rückwörts in Marsch gesetzt. Die Zahl der Gefangenen wurde auf 40 000 geschätzt. Die Beute an Kriegsgerät, leichten und schweren Geschützen, Flakgeschützen und z. T. unversehrten Tanks usw. war unübersehbar.

 

Der 4. Juni war ein großer Tag für das 1. Bataillon! Es erreicht den Ärmelkanal bei Malo des Beins. II. und III. Btl. haben den Kanal de Dunkerque überschritten und staßen auf Dünkirchen vor. Es ist ein beachtlicher Augenblick, als wir auf den Dünen am Kanal stehen! Gefangene sammeln sich am Strand, Unmengen Kriegsmaterial, . Geschütze, Waffen alter Art, Pferde- und Kraftfahrzeuge. In das Meer sind Autostege zur Einschiffung gefahren, mehrere zerstörte Transportschiffe liegen an der Küste. Die Stuka haben in der Stadt und im Hafengelände ganze Arbeit geleistet!

 

Gegen Mittag trifft der Befehl ein, daß die 14. Inf: Div. zur weiteren Verwendung herausgezogen wird. Rückläufige Bewegungen dürfen erst durchgeführt werden, bis Straßen und Dämme von den Truppen freigemacht sind, die nach Dünkirchen hinein sollen.

Am 5, Juni sammelt sich das I. R. 11 im Raum Hondschoote und es beginnt der Rückmarsch durch das Überschwemmungsgebiet. Die 14. Kp. durfte sich in Dünkirchen umsehen und einen lag noch ausruhen!

 

Und damit ist der erste Teil des Frankreichfeldzugs für unser Regiment zu Ende.

Die 14. Infanterie-Division hatte bis dahin:

Verluste Offiziere:

gefallen:          26

verwundet:     40

Uffz. und Mannschaften

gefallen:          327

verwundet:     1184