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Selfkantheimat; Blätter für heimatliche Geschichte, Volks- und Naturkunde; Monatliche Beilage der Geilenkirchener- und Heinsberger Volkszeitung; Nummer 9, Jahrgang 1968, Seite 65 f.

Der Familienname "Esser"

Von Peter Jansen

Unter den von Berufsbezeichnungen hergeleiteten Familiennamen ist der Name "Esser" (Eßer, Essers) in unserer Heimat einer der häufigsten. Dabei ist jedoch auffallend, daß seine Verbreitung vor allem im Osten und Süden des Selfkantkreises besonders dicht ist. Nach dem neuesten Einwohner-Adreßbuch, Rheydt, 5. Auflage 1964, zählt Baesweiler 19, Brachelen 11, Dremmen 33 und Übach-Palenberg 25 Familien des Namens "Esser". Im Aachener Raum ist die Dichte seines Vorkommens noch ungleich stärker, während er im sogenannten Kernselfkant (westlich der Linie Gangelt – Waldfeucht, diese Orte eingeschlossen) gänzlich fehlt. Zwischen den Gebieten dieser beiden Extreme ist er dann ziemlich dünn gestreut; die Abnahme nach Westen hin ist aber unverkennbar.

Über seine Verbreitung in unserer engeren Heimat hinaus ist der FN Esser ein typisch rheinischer Name. Dazu sagt Prof. Adolf Bach in seiner "Deutschen Namenkunde" I, 2, 381, sehr treffend: "Daß ein Severin Rüttgers, ein Quirin Esser Rheinländer sind, ist nicht nur dem Namenforscher auf den ersten Blick ebenso deutlich wie die Herkunft eines Ignaz Stadlmeyer aus Bayern oder etwa einer Regula Amrain aus der Schweiz, eines Claudius Bojunga aus Friesland, eines Tim Kröger ... zum mindesten aus Niederdeutschland, eines Jörgen Hinrichsen aus Schleswig-Holstein ..."

Daß die vom Stamme "Esser" fast ausnahmslos in Rheinland beheimatet sind, hat seine guten Gründe. Nicht als ob sie, wie schon einmal scherzhaft angenommen wird, samt und sonders Abkömmlinge von "goo Fröng vo Läevesmeddele" wären! Schon eingangs wurde gesagt, daß "Esser" eine Berufsbezeichnung ist, die uns Beruf und Gewerbe seines Trägers verrät. Das sind ja auch die Namen "Schneider", "Schuhmacher", "Schmitz", "Schlösser", "Schreinemacher" und "Breuers". Aber der Name "Esser" ist nicht auf den ersten Blick in seiner Bedeutung so durchsichtig wie die vorgenannten, und zwar vor allem deswegen nicht, weil die Hochsprache heute das Handwerk des "Ässers" nicht mehr kennt und diese ehedem wichtige Betätigung heute auch auf dem Lande völlig auszusterben droht. Nun, der rheinische Esser, Ässer, Asser, Axer, Axmacher und Assenmacher entspricht in etwa den auch bei uns heimischen "Rademacher" oder "Ramakers", dem Wagner, Wegner und Wehner anderer deutscher Sprachlandschaften. Er war und ist das , was man heute gemeinhin einen "Stellmacher" nennt. Dieses Wort, spätmittelhochdeutsch "stellemacher", stammt aus Schlesien (Kluge-Goetze). Er machte die "Stellen" oder "Gestelle" der Fuhrwerke, vergleiche "Gestell" und "Bettstelle".

Der Esser oder Asser hatte sich dabei besonders auf die Herstellung von Wagen- und Karrenachsen spezialisiert. Nun, so wird mir hier mancher Leser entgegenhalten, und das mit vollem Recht, die Wagenachsen sind doch aus Eisen und die Herstellung fällt also in die "Zuständigkeit" des Schmiedes, wogegen bekanntlich der Stellmacher doch ausschließlich Holz verarbeitet. Diesen offensichtlichen Widerspruch versucht der belgische Namenforscher Carnoy in seinem Werk "Origines des Noms de Familles en Belgique", Louvain 1953, dadurch zu erklären, daß er annimmt, der "ächsner" hatte seine Berufsbezeichnung daher, weil er das Rad in der Achse befestigt, "qui place la roue dans l‘axe". Das tut aber doch der Schmied, sobald er den Radreifen aufgezogen hat, ja, das konnte im Notfall jeder Bauer und Fuhrmann selbst ohne die mindeste handwerkliche Vor- und Ausbildung! Wie ist das aber nun mit der Berechtigung der Berufsnamen "Ässer" und Achsenmacher"? Nun, sie besteht oder bestand völlig zu Recht! Noch vor gut hundert Jahren waren die Achsen unserer Bauernkarren ausschließlich aus Holz, wahrscheinlich aus Eschen- oder Eichenholz, gefertigt. Das ist uns urkundlich einwandfrei überliefert. Hören wir, was uns darüber Heinrich Jos. Otten, der zweite Gangelter Chronist, in seiner "Chronik von Gangelt" aufgezeichnet hat:

"Damals kannte man nur hölzerne Achsen und mit 10 Zentner hatte man eine ordentliche Fracht ... Anfang der 50er Jahre (des vorigen Jahrhunderts) kam die eiserne Achse auf. Der (Gangelter) Schmied Leonhard Peters machte die erste eigene Achse für die Witwe Agatha Stevens in der Heinsberger Straße."

Jetzt wissen wir es ganz genau! Dem "Ässer" oblag also ursprünglich bei der stark ausgeprägten mittelalterlichen Arbeitsteilung vor allem und zunächst die Herstellung der hölzernen Wagenachsen. Bei ihrer verhältnismäßig kurzen Lebensdauer angesichts der starken Beanspruchung wird die Nachfrage nicht gering gewesen sein, so daß der "Esser" in ländlichen Gegenden sein bescheidenes Auskommen hatte. Daß man schon (oder noch) vor Jahrhunderten, den Familiennamen Esser richtig als vom "Stellmacher" herrührend verstand, beweist der Name des Vikars Gotfridus Esser von Titz bei Jülich, der sich 1583 als Pastor von Kirchherten Godhart Carpentarius nannte (Redlich, II, 1). Der carpentarius war im alten Rom der Stellmacher, von carpentum, einem gallischen Wort für die zweirädrige Karre, deren Verwendung also uralt ist und die bis in die jüngste Zeit noch für unsere Landschaft das typische und zweckmäßige Bauernfuhrwerk gewesen ist, solange, bis die immer mehr mechanisierte Landwirtschaft sich anderer Fahrzeuge bedienen mußte. Auch in den Ackerebenen Hollands, Flanderns und Nordfrankreichs war diese einachsige Karre viele Jahrhunderte hindurch in Gebrauch.

Es scheint mir doch bedeutsam darauf hinzuweisen, daß unsere Mundart auch ein Verb "ässere" = "das Stellmacherhandwerk ausüben" gekannt hat. So erinnere ich mich aus meiner frühesten Kindheit, daß mein Vater einmal von einem Bekannten, der jahrzehntelang die Landwirtschaft betrieben hatte, aber gelernter Stellmacher war und sich auf seine alten Tage wieder in seiner Werkstatt betätigte, sagte: "Schäng häet sech wejer aant Ässere jejäeve." Das Rhein. Wörterbuch II 202 belegt das Verb nur für Monschau-Witzerath. Auf dem Lande kam der Beruf des Ässers wohl gleich nach dem des Schmiedes, machte er doch nicht nur die großen Bauernkarren, sondern auch Pflüge1, Eggen, Schubkarren, "Schniewööf" (ein Gerät zum Strohschneiden), Holzgestelle für Waschbütten, "Köpfe" und Gerten für Dreschflegel, Holzrechen, Hacken- und Axtstiele und andere in der bäuerlichen Arbeitswelt benötigte Gerätschaften.

Der Familienname Caron

Im Raume nördlich von Heinsberg, vor allem in Effeld und Umgebung, kommt der Name "Caron" auffallend häufig vor. Sein Wortbild verrät dem Kundigen auf den ersten Blick die romanische Herkunft. Dieser Name entspricht fast genau unsern "Esser", "Wagner" und "Stellmacher". "charron" ist im Französischen die alte Bezeichnung für den Karrenmacher. Der Name wird mit seinem Träger in der normandisch-pikardischen Form Carron (Caron) einmal in unsere Gegend gekommen sein. Er könnte allerdings auch auf einen Heiligen, Caraunus, zurückgehen, der im 5. Jahrhundert in Frankreich lebte.

Anmerkung:

1) In früheren Jahrhunderten scheinen sich manche "Ässer" besonders auf den Bau von Pflügen eingestellt zu haben. Der hölzerne Pflug (Hongschploog), gewiß das wichtigste Gerät des ackernden Menschen, erforderte wegen seiner ziemlich verwickelten Organisation vom Hersteller ein sehr hohes Maß an handwerklichem Können, wenn er richtig "gehen" sollte. Man sprach damals geradezu von dem Gewerbe des "Pflugmachers", was auch in der Welt der Familiennamen seinen Niederschlag fand. Dieser Name war vor allem im alten Sittard häufig und von angesehenen Geschlechtern getragen, die u.a. die Ämter des Bürgermeisters, der Schöffen und des Gasthausmeister innehatten. Bereits 1458 begegnet uns in einer Sittarder Urkunde ein Gerairt Pflogmeker. 1544 und 1547 war ein Christian Pluchmecher Bürgermeister der Stadt. In der Folge kommen noch mehrere Bürgermeister, Schöffen und Gasthausmeister (1562 Korst Ploichmeker, 1567 Johann Plugmecher) dieses Namens vor. (M. Jansen, Inventaris van het Oud Archief der Gemeente Sittard, Sittard 1878.)

Adolf Bach weist in seiner "Deutschen Namenkunde" einen Ludolfus Plochmekere in Bremen bereits für 1350 nach. Edmund Nied ("Fränkische Familiennamen", Heidelberg 1933) nennt für 1520 einen Cunz Pflugmacher. Nach demselben Autor werden im alten Frankfurt Wener (Wagner) und Pluger als Gewerbebezeichnungen aufgeführt. Der Name findet sich auch in den Werken der belgischen Forscher.

Möglicherweise hat der Stellmacher in früheren Zeiten auch im Kernselfkant "Plogmaker" geheißen, worauf das gänzliche Fehlen des Familiennamens "Esser" in diesem Landstrich hindeuten könnte.