Bericht über die zweite Reise nach Bulgarien
vom 5.6.2001 bis zum 15.6.2001


Der Aufbau einer lutherischen Gemeinde in Schumen als "eine creatio ex nihilo"

Auch dieses Mal habe ich mich durch persönliche Bekanntschaften vor meiner Ankunft in Schumen orientiert über die allgemeine Lage. Weil die Wahlen direkt nach meiner Abreise stattfinden würden, fanden immer lebhafte, aber oftmals nicht solche distinguierte Diskussionen statt. Die Rückkehr des Ex-Königs Simeon bedeutete einen speziellen Akzent in dem Wahlkampf, obwohl der Premier Kostov sich sehr bemüht hat Bulgarien zurückzuführen in normale Verhältnisse. Trotzdem ist es oft so in Ost und Süd-Ost Europa, dass man

- keine Reform will, sondern einen Retter

- keinen wirtschaftlichen Plan will, sondern ein Wunder

- keine verantwortliche Demokratie will, sondern eine Erlösung

Oftmals wird so viel angefaßt ohne es planmäßig zu Ende zu bringen. Am 6. Juni habe ich die "American University in Bulgaria" besucht in Blagoevgrad, südlich von Sofia, 20 Km von der Mazedonischen Grenze entfernt. Ich wollte gerne die Erfahrungen von anderen Ausländern hören in Bulgarien. Obwohl ich theoretisch gut ausgebildet bin, ist es immer wichtig auch die existentiellen Erfahrungen von Menschen zu hören in solchen Verhältnissen, vor allem weil von hier aus die Amerikaner das ganze Geschehen auf dem Balkan beobachten. Blagoevgrad war also eine Fundgrube von Informationen, welche mir in diesen Tagen sehr nützlich waren.

Vom Freitag 8. Juni bis Donnerstag 12. Juni habe ich Schumen besucht und mit dem Vorstand der Gemeinde und Mitgliedern gesprochen. Am Samstag 9. Juni habe ich die Buchhaltung durchgearbeitet und habe mit Freude festgestellt, das alles einwandfrei geordnet war nach West-Europäischen Maßstäben. Die vier Niederländischen Gemeinden und die drei Diakonalen Anstalten hatten zusammen $ 6.854,47 (= fl. 17.273,99) gespendet. Wegen der immer drohenden Inflation hat man direkt Baumaterialien gekauft. Es war dadurch nur 150 Leva in der Kasse (= DEM 150,--). Die wirkliche Inflation seit vorigem Jahr schätze ich auf 20%. Die Kosten im Leben in Sofia z.B. waren sehr gesteigert, bemerkte ich. Nach meiner Rückkehr werde ich die Spender bitten 20% zu zufügen, damit die Kapelle vollendet werden kann. Der Kasko ist jetzt fertig, aber die Innenausrüstung muß noch abgefertigt werden. Es ist eine große Leistung, daß man mit Freiwilligen seit dem ersten April 2001 schon so weit gekommen ist, vor allem, wenn man hört, daß die Zustimmung seitens der Behörden 48 Stempel, 46 Unterschriften und 18 Zustimmungen (sechsfach redigiert!) brauchte.

Leider gibt es jetzt einige Probleme

1. Die Regierung hat verordnet, daß in Zusammenhang mit den Sicherheitsvorschriften die Elektrizitätsanlangen und Klempnerarbeit nicht von Freiwilligen versorgt werden können. (Neben der Sicherheit spielt auch die Arbeitslosigkeit mit, welche z.B. in Schumen 20% ist : die Gewerkschaften fördern keine freiwillige Arbeit).

2. Die Inflation zwingt dazu direkt finanziell zu handeln. Das macht unsere Freunde natürlich viel Schwierigkeiten, weil man oftmals nicht direkt die versprochenen Spenden zur Verfügung hat.

3. Bulgarien ist, mit Albanien, das ärmste Land von Europa. Die Menschen tun was sie können, aber mit viel Risiko. (das Durchschnittliche Einkommen ist DEM 250). Am Sonntag 10. Juni war ich beim Hausgottesdienst im Hause der Familie Stoikov Petrov. Obwohl viele bei der Ernte sein müßten, hat jede Großfamilie ("Zadruga") einen Vertreter geschickt um "auf dem Felde" zu erzählen, was passiert ist. Zu meiner Freude gebrauchte Bruder Stoikov die Russischen Übersetzungen der Liturgien vom "Martin Luther Bund" in Bulgarischer Fassung und hielt eine erbauliche Ansprache. Der Empfang war sehr herzlich inklusiv die Byzantischen "Hyperbolen" wie z.B. daß ich einen "Apostelgleichen" darstellte! Im Hause der Familie Stoikov Petrov sind zwei Übernachtungszimmer eingerichtet, weil man auch hier in Schumen ein lutherisches Dokumentationszentrum stiften will und ausländische und inländische Gäste Unterkunft anbieten will. Jeden Sonntag gibt es jetzt einen Hausgottesdienst.

Die Niederländische lutherische Kirche oder die Sympathisanten können als kleine Minderheitskirche oder als kleine besondere Gruppe natürlich nicht die Last tragen eine lutherische Kirche zu stiften in Bulgarien. Unser Ziel kann jetzt nur sein die Gemeinde in Schumen zu bilden. Man meint jedoch in Schumen, daß es in Bulgarien mehrere Möglichkeiten z.B. in Varna, Veliko Tumovo, Ruse u.s.w. gibt.

Vorläufig meine ich, gegenüber sehr optimistischen Erwartungen, daß wir uns beschränken müssen : erstens müssen wir die Gemeinde Schumen gründen, welche beispielhaft sein kann für eventuelle andere Gemeinden. Und dann denke ich weiter an Varna und Umgebung z.B. Volksmissionarisch gesehen, gibt es dort und in der Umgebung noch immer sehr viele Ost-Deutschen Feriengäste. Es gibt jedoch keine Präsenz der E.K.D. und V.E.L.K.D. In diesem Sinne kann Schumen ein Stutzpunkt werden (Schumen ist auch Universitätsstadt und liegt 80 Km. westlich von Varna) für weitere Entwicklungen.



5. Was kann man nach meiner Meinung in Schumen beabsichtigen?

Zum Schluß



a. In der Bulgarischen Situation finde ich noch immer das Kloster "Tumiline" im Atlasgebirge beispielhaft, wo die Römisch-Katholische Kirche in der Wüste (!) eine Vertretung hatte im Mohammedanischen Marokko. Persönlich möchte ich so etwas in Schumen sehen: Eine lutherische Vertretung im Orthodoxem Gebiet. Noch immer ist es leider so, daß die Orthodoxie keine Idee hat von dem, was die Engländer und Amerikaner "main line protestantism" nennen. Also keine Sekten, sondern Protestantische Kirchen. Wir müssen uns nicht einbilden Bulgarien lutherisch zu machen, aber es gibt auch Interesse für den wirklichen Protestantismus. Hierbei können wir als "Kirche der Mitte" eine Hilfe sein.

b. Die Niederlande haben keine Möglichkeiten (finanziell, sprachlich) Bulgarische Lutheraner auszubilden zum Pfarrer. Sprachlich hat es in Bulgarien immer eine westliche Orientierung gegeben (französisch und Deutsch und jetzt Englisch). Man kann mit Niederländisch nur ein beschränktes Sprachgebiet beherrschen (Surinam, Antillen, Niederlande, Flandern, Süd Afrika = 30 Millionen). Für Bulgarische Lutheraner ist eine Orientierung nach Deutschland, vielleicht Österreich oder Siebenbürgen viel wichtiger

c. Die Adresse der Gemeinde im Werden ist : Sekretärin : Frau Daniela Georgievna Kirova Zar Oswoboditelstrasse 86 Et. 4, App. 21 BG-9700 Schumen Tel. 00359-54-40882 Bulgarien. Die Korrespondenz kann auf Deutsch geführt werden Telefonisch am besten Abends zu erreichen. Überweisung von Geld am besten über "Western Union Money Transfer". Methodik 1. Zuvor Frau Kirova anrufen, wie spät man das Geld überweist und am welchen Tag. 2. Die Nummer der Oberweisung mitteilen. 3. Warten auf einen Telefonanruf von Frau Kirova, ob Sie das Geld bekommen hat (eine Stunde)

Gerne empfehle ich die Gemeinde Schumen in Ihren Fürbitten.
Den Haag, 19. August 2001  J.A. Roskam


Nützliche Informationen.

1. Die Niederländischen Spender haben bis jetzt fl. 17.273,- nach Schumen geschickt mit Western Union Money Transfer $ 6.854,47).
2. Die Kapelle wird gebaut nach dem Beispiel einer kleinen lutherischen Kirche in Heusden. (Niederlande). Die Baupläne hat man gerne zur Verfügung gestellt. (Auch Katerinenburg in Rußland baut mit diesen Bauplänen).
3. Wir hoffen noch ungefähr 20% des Betrages von $ 6.854,47 zur Verfügung zu stellen als Inflations und Gewerkschaftsentschädigung.
4. Der Berichterstatter hat als eine Art "Makler" Verbindungen geschaffen mit

a. dem Martin Luther Bund (Dr. Rainer Stahl)
b. dem lutherischen Kirchenamt in Hannover (OKR Käthe Mahn)
c. dem "Institut Oecuménique" (L.W.F.) in Strasbourg (F)
d. Pfarrer Norbert Hintz, D-27412 Wilstedt (Bürobedarf?) e. Dekan Walter Hirschmann : Ausbildung eines Pfarrers in Rumänien.

5 . Zusagen von einer Spende sind empfangen worden von drei Pfarrer.

Gerne geben wir "grünes Licht" nach der zweiten Reise und nach Kontrolle der Buchführung diese Beträge zu überweisen für die allgemeine Aufbau einer Gemeinde in Schumen.

J.A. Roskam, Den Haag